Elfriede Jelinek als schwarzes Gestirn

11. Dezember 2004, 17:52
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Stockholmer Rede von Horace Engdahl auf die Nobelpreisträgerin

Stockholm - "Was zuerst perplex macht, wenn man Elfriede Jelinek liest, ist die eigenartige, gemischte Stimme, die aus ihrem Schreiben spricht", äußerte der Permanente Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, zu Beginn seiner Rede auf die abwesende österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek aus Anlass der freitägigen Verleihungszeremonie.

"Die Autorin", so Engdahl, "ist überall und nirgends, sie steht niemals ganz hinter ihren Worten, noch gibt sie ihren literarischen Figuren insofern nach, dass diesen die Illusion ihrer Existenz außerhalb der Sprache erlaubt wäre." Die feierliche Verleihungszeremonie der Nobelpreise im Stockholmer Konzerthaus wurde von der solcherart Geehrten in deren Münchner Wohnung verfolgt: Jelinek war dem Festakt bekanntlich aus Krankheitsgründen ferngeblieben.

Engdahl betonte, dass Jelinek mit Absicht ihr Werk den Klischees der Trivial- und Populärkultur öffne - "dem kollektiven Unterbewussten unserer Zeit".

"Erschrocken entdecken wir", so Engdahl, "wie Klassenunterdrückung, Sexismus, Chauvinismus und die Verzerrung der Geschichte durch alltägliche Konversationen hallen." Jelinek bearbeite "unsere normalen Ideale" mit "herzlosen Wortspielen, makabren Metaphern und teuflisch verdrehten Klassiker- zitaten". Wie mit Infrarot- licht beleuchte sie die "verborgene Schrift der Zivilisation": "In ihren Verdammungen knirscht eine skandalöse Heiterkeit ohne Hoffnung, die Strahlen einer schwarzen Sonne."

Seine letzten Worte richtete Engdahl auf Deutsch direkt an die vor dem Bildschirm weilende Autorin: "Hoch geehrte Elfriede Jelinek! Durch Ihr Schreiben haben Sie einer ketzerischen weiblichen Tradition neuen Wert gegeben und die Kunst der Literatur erweitert. Sie verhandeln weder mit der Gesellschaft noch Ihrer Zeit . . . Wenn die Lite- ratur als Kraft definiert wird, die sich nichts beugt, dann sind Sie in unseren Tagen einer ihrer wahrhaftigsten Vertreter". (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004)

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