"Die Türkei ist Teil der europäischen Wertegemeinschaft"

13. Dezember 2004, 18:42
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Türkischer Spitzenpolitiker Mercan wirbt für EU-Beitritt - "Modell für friedliche Koexistenz der Religionen"

Wien - Murat Mercan, stellvertretender Vorsitzender der türkischen Regierungspartei AKP, hat am Freitag Abend in Wien für einen EU-Beitritt der Türkei geworben. Europa sei vor allem eine Wertegemeinschaft, sagte Mercan im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema "EU-Beitritt der Türkei: Mehr Chancen oder Risiken für Europa?". Dass die die Türkei diese Werte teilt, steht für Mercan außer Zweifel: "Was die Türkei von ihren Nachbarländern wie etwa Syrien unterscheidet, ist der unbedingte Wille zu Europa zu gehören."

Es sei nicht die Geographie, die bestimmt wer zu Europa gehört und wer nicht, sagte Mercan. Europa definiere sich vor allem durch seine gemeinsamen Werte, seine Traditionen und seine Geschichte. Und: "Die Grenzen Europas beginnen dort, wo die gemeinsamen Werte keinen Platz haben".

"Europäisierung"

Von der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen verspricht sich Mercan vor allem eine weitere Annäherung der Türkei an Europa. Dass die Integration der Türkei in das politische System Europas wesentlich zu deren gesellschaftlicher Modernisierung beitrage, habe schon die Geschichte bewiesen, betonte Mercan. So sei die Aufnahme der Türkei in den Europarat im Jahre 1949 ein entscheidender Schritt für die "Europäisierung" der Türkei gewesen. "Was wäre wohl passiert, wenn die Türkei damals abgelehnt worden wäre?", fragte der Spitzenfunktionär der als gemäßigt islamisch geltenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP).

Nach Ansicht von Mercan würde der EU-Beitritt der Türkei zudem einen wesentlichen Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis der Religionsgemeinschaften leisten. "Die Weltgeschichte ist voll mit Konflikten und Kriegen zwischen den verschiedenen Religionen. Juden gegen Moslems, Moslems gegen Christen, Christen gegen Juden. Davon haben wir wahrlich mehr als genug. Der EU-Beitritt der Türkei würde uns jedoch die Jahrhundertmöglichkeit eröffnen, diese Konfliktlinien zu entschärfen und ein Modell für die friedliche Koexistenz der Religionen zu entwickeln." Darüber hinaus könne die Türkei im Falle eines Beitritts zur besseren Integration bereits in Europa lebender Türken beitragen, sagte Mercan.

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht brächte der Beitritt der Türkei nach Meinung von Mercan Vorteile für die EU. "Es mag zwar stimmen, dass die EU im Endeffekt eine Menge Geld zahlen wird, aber man muss auch die andere Seite der Medaille sehen. Die Türkei hat siebzig Millionen Einwohner. Denken sie an den steigenden Konsumbedarf, denken sie an die notwendigen Investitionen. Können Sie sich vorstellen wie sehr Firmen aus der EU hiervon profitieren können." Die Europäische Union werde hier wahrscheinlich mehr heraus bekommen, als sie investiere, sagte Mercan.

Die Türkei sei aber auch aus geopolitischen Gründen ein wichtiger Partner für die EU, betonte Mercan. Es sei notwendig, dass sich die Europäische Union stärker als "global player" entwickle und auch als Gegengewicht zu den USA fungiere. Eine "einzige Weltmacht" sei keine gute Perspektive für die Zukunft, sagte der türkische Spitzenpolitiker. Durch eine Stärkung der EU könne der Unilateralismus der USA gedämpft werden, hofft Mercan.

Mercan plädierte zum Abschluss seines Referats für den gegenseitigen Abbau von Ressentiments und Ängsten. "Ich habe als Moslem keine Angst vor der Integration in eine vorwiegend christlich dominierte Gemeinschaft. Es gibt also keinen Grund, dass sich 430 Millionen Menschen vor siebzig Millionen Moslems fürchten." Die Türkei sei ein säkularer Staat, die Modernisierung nicht umkehrbar, sagte Mercan. (APA)

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