Am anderen Ende der Welt

12. Dezember 2004, 10:00
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Peter Nichols recherchiert eine Biografie im Schatten Darwins

Ein junger Mann (26) und ein noch jüngerer (22), ein Student, treffen einander durch Zufall. Zusammen brechen sie in ein großes Abenteuer auf und verändern unsere Sicht auf die Welt. Der eine wird in seinen späten Jahren berühmt, der andere versinkt in Bedeutungslosigkeit, weil die Öffentlichkeit seine Leistungen nicht anerkennt. Er stellt sich vehement gegen die Erkenntnisse des berühmten Mitreisenden, verfällt in tiefe Depression und schneidet sich schließlich 1865 die Kehle durch. Gewöhnlich ist die Hauptperson dieses Dramas der jüngere Mann, namens Charles Darwin, mit seinen 22 Jahren ein unbedeutender Landadeliger, der auf dem besten Weg ist, ein gut situierter Dilettant der Naturwissenschaften zu werden und wie viele seiner Standesgenossen als jagdbegeisterter Nichtstuer ohne Ziele und Berufsvorstellungen zu enden.

Charles Darwins Leben ist Gegenstand vieler Biografien und Romane, der Mann, der die Weltreise erst ermöglicht hat, Kapitän FitzRoy, ist in der Geschichte nicht mehr als ein Schatten des berühmten Reisenden. Mit ihm befasst sich die Biografie des Journalisten und Schriftstellers Peter Nichols, der sich auf das Thema Seefahrt in eindrucksvoller Weise versteht.

Robert FitzRoy stammt aus dem britischen Hochadel, war frühreif und arrogant, emotional labil, aber auf seine Weise fähig. Sonst hätte er es nicht geschafft, am unwirtlichsten Ende der Welt, in Feuerland, seine Vermessungsaufgaben, so gut es damals überhaupt möglich war, zu erledigen. FitzRoys Vorgänger hatte sich in seiner Kajüte umgebracht. Der neue Kapitän suchte für seine zweite Expedition, auf der er seine Vermessungsarbeiten fortführen sollte, nicht zuletzt deshalb einen Reisebegleiter, um nicht in der düsteren Einsamkeit der wilden Küste verrückt zu werden. Dass Darwin gerade zur Hand war, ist purer Zufall. Vier Jahre verbrachten die beiden so unterschiedlichen jungen Männer zusammen auf der "Beagle".

Nichols bedient sich ausführlich der im Anhang aufgelisteten historischen Quellen, beschreibt eindrücklich die "Wilden", die - der für die viktorianische Zeit recht humane - FitzRoy (vergeblich) zu "zivilisieren" versuchte, und liefert nebenbei ein interessantes Sittengemälde des kolonialistischen Paternalismus.

Die beiden Heimkehrer, die so viele gefährliche Situationen miteinander bewältigt hatten und nur durch eine glückliche Fügung Galapagos angelaufen waren, entfremdeten sich bald. Der depressive FitzRoy fühlte sich zunehmend ungerecht behandelt. Nicht ganz zu Unrecht, wie Nichols zeigt, denn man schob ihn auf unbedeutende Posten ab. FitzRoy wurde zwar ein bedeutender Meteorologe, aber die öffentliche Anerkennung blieb ihm versagt.

Als schließlich Darwin seine umwälzenden Theorien zur Entstehung der Arten veröffentlichte, geriet FitzRoy in scharfen ideologischen Gegensatz zu seinem einstigen Weggefährten. Er driftete in das unterliegende Lager der christlichen Fundamentalisten ab: Gott habe ohne Wenn und Aber die Welt und ihre Geschöpfe in sieben Tagen erschaffen. - Heutzutage wäre FitzRoy in den USA gut aufgehoben gewesen.

Nichols' Stil ist sachlich, zurückgenommen und informativ. Anhand einer tragischen Biografie entfaltet er vor uns nicht nur bewegende Schicksale, sondern auch ein Stück ungemein spannender Geistes- und Technikgeschichte. Die Ureinwohner von Feuerland, die FitzRoy zu zivilisieren versuchte, sind übrigens inzwischen ausgestorben. (Ingeborg Sperl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 12. 2004)

Peter Nichols: Darwins Kapitän. Deutsch von Hans Link.
€ 22,90/423 Seiten. Europa Verlag, München 2004.
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