Polen: Gleichstellungsbeauftragte kritisiert katholische Kultur

20. Dezember 2004, 12:23
posten

Katholizismus sei indirekt für Gewalt gegen Frauen verantwortlich - Opposition fordert Rücktritt der Philosophin

Warschau - Die Gleichstellungsbeauftrage der polnischen Regierung, Magdalena Sroda, hat Ministerpräsident Marek Belka ihren Rücktritt angeboten. Eine Aussage Srodas bei einer Konferenz in Stockholm hatte am Donnerstag einen Skandal ausgelöst. Sie hatte sinngemäß erklärt, das katholische Polen habe ein Problem mit Gewalt gegen Frauen, das im großen Einfluss der Kirche auf das öffentliche Leben begründet sei.

Bischof Tadeusz Pieronek sagte dazu, Sroda zeichne ein Bild des polnischen Mannes als verknöcherten mittelalterlichen Spießer. Ludwig Dorn von der konservativen Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) nannte die Aussage der Gleichstellungsbeauftragten "falsch, unklug und für gläubige Menschen beleidigend" und forderte Belka auf, Sroda zu entlassen.

Katholische Kultur

Laut der Nachrichtenagentur Reuters hatte die Beauftragte für die Gleichstellung der Geschlechter wörtlich gesagt: "Der Katholizismus unterstützt die Gewalt gegen Frauen weder direkt noch stellt er sich ihr direkt entgegen." Es gebe jedoch eine indirekte Verbindung zwischen der Gewalt gegen Frauen und dem Katholizismus über die Kultur, die stark auf Religion fuße.

Bei einer Pressekonferenz bemängelte Sroda, dass ihre Worte aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. Sie seien nicht an die Öffentlichkeit gerichtet gewesen. In einem Interview mit der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" bekräftigte sie jedoch ihre Kritik an der katholischen Kirche: Deren starker Einfluss auf die polnische Gesellschaft führe dazu, dass statt des Individuums die patriarchalisch organisierte Familie im Zentrum der ethischen Werte stünde. Deshalb würden polnische Frauen ihre Rechte zu wenig verteidigen.

Der Sprecher der polnischen Regierung Dariusz Jadowski sagte, die Gleichstellungsbeauftragte habe sich bei der Konferenz als Wissenschaftlerin geäußert und dabei offenbar vergessen, dass sie auch die Regierung vertrete. Der Ministerpräsident, der sich derzeit in Finnland aufhält, bezeichnete Srodas Äußerungen als "höchst unglücklich". Nach seiner Rückkehr am Montag wolle er mit ihr darüber sprechen.

Kampf gegen Stereotypen

Magdalena Sroda ist seit vier Monaten im Amt. Die Philosophin, die an der Universität Warschau lehrt, hatte sich zur Aufgabe gemacht, gegen "Stereotypen bei der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau" zu kämpfen. "Frauen haben in Polen die gleichen Rechte, aber nicht die gleichen Möglichkeiten wie Männer", hatte sie damals in einem Interview gesagt. Sie hatte sich zudem dafür ausgesprochen, homosexuellen Lebensgemeinschaften einen rechtlichen Status einzuräumen und die Abtreibung aus Gründen der sozialen Lage zu erlauben. (APA)

Share if you care.