"Aggressive Erwerbungspolitik"

17. Dezember 2004, 12:23
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Die ÖNB stellt sich schonungslos ihrer NS-Geschichte: Die Ausstellung "Geraubte Bücher"

Wien - Rund 15 Jahre ist es her, dass Gerhard Roth eine Reportage mit dem Titel Die zweite Stadt veröffentlichte, in der er die Keller der Hofburg und damit auch das "Bücherbergwerk" der Nationalbibliothek beschrieb. An seine Wanderung "in entlegene Kontinente des unterirdischen Labyrinths" erinnerte sich Roth Donnerstagabend in seiner exzellenten Rede zur Eröffnung der beklemmend-schonungslosen Ausstellung Geraubte Bücher im Prunksaal.

Denn Roth entdeckte, geführt von einem kundigen Virgil, nicht nur die "Friedrichs-küche" und den "Segmentgang", sondern auch das "Birnholzzimmer" (benannt nach einem jüdischen Apotheker und Exlibrissammler, der 1939 nach Amerika emigrieren musste) und erfuhr von einem Raum mit dem Namen "Sarg". In diesem lagen die nicht erfassten Bücher, ganze Bibliotheken vornehmlich jüdischer Flüchtlinge, die nicht aufgearbeitet wurden.

Doch auf dem Sarg war der Deckel zu: Niemand wagte die Exhumierung. Die damalige Direktion bestritt, "dass es überhaupt noch geraubte Bücher" in der ÖNB gäbe. So wurde nach Veröffentlichung der Reportage "ein Ersuchen um Rückgabe von beschlagnahmten Büchern des Verlegers Bermann Fischer mit dem Bescheid, dass alle beschlagnahmten Bücher schon restituiert seien, abgelehnt".

Zur gleichen Zeit publizierte Ernst Trenkler, damals Leiter der Handschriftensammlung (nicht mit dem Autor dieses Artikels verwandt), einen äußerst tendenziösen Beitrag: Die ÖNB hätte in der NS-Zeit mehr oder weniger gegen ihren Willen zahlreiche "Geschenke" erhalten. Sein Schönreden kam nicht von ungefähr: Ernst Trenkler war am Bücherraub in der NS-Zeit beteiligt - und nach dem Krieg für die Restitution zuständig.

Den Rothschilds zum Beispiel wurde deren Bibliothek zurückgegeben, eine wertvolle Handschrift presste man der Familie aber ab. Was Trenkler ganz anders darstellte: Clarice Rothschild hätte sich "spontan bereit erklärt, der Nationalbibliothek, die schuldlos in diese unwürdige Angelegenheit verstrickt worden war", das Rothschild-Gebetbuch zu "überlassen". Es wurde erst 1999, nach einer Recherche des STANDARD, restituiert.

Zudem ließ Generaldirektorin Johanna Rachinger die Geschichte der ÖNB aufarbeiten. Auch deshalb, weil man sie hausintern nicht ehrlich über die tausenden geraubten Bücher informiert hatte, die nun restituiert werden. Und so heißt es im aktuellen Newsletter unmissverständlich: In der von Margot Werner und Christina Köstner kuratierten Ausstellung Geraubte Bücher "befasst sich die ÖNB "mit der wohl dunkelsten und unrühmlichsten Epoche ihrer Geschichte - der aggressiven Erwerbungspolitik in der Zeit des NS-Regimes. Geleitet von einem fanatischen Nationalsozialisten beteiligte sich die Nationalbibliothek aktiv und in großem Umfang an der systematischen Beraubung vor allem jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger."

Austrofaschismus

Der "Sarg" barg aber nicht nur geraubte Bücher, sondern später, nach dem Krieg, jahrzehntelang auch abgelieferte NS-Literatur. Roth nennt das "Zynismus der Geschichte". Und er weist unter Berufung auf Murray G. Hall noch auf ein weiteres unrühmliches Kapitel hin: Die ÖNB mehrte ihren Bestand bereits 1934 - aufgrund der Schließung sozialistischer Bildungseinrichtungen. Der damalige Direktor, 1938 abgesetzt, wurde 1945 wieder bestellt. "Selbstverständlich musste sich dieser nie für seine Untaten in der Zeit des Austrofaschismus verantworten." Bis 23. Jänner
(DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.12.2004)

Von
Thomas Trenkler
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