Kommentar der anderen: So genannte "Problemkinder"

10. Dezember 2004, 19:31
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Ein Streiflicht zum Thema Pisa und Migration - Von Heidemarie Uhl

Die laufenden Debatten um die Pisa-Studie haben leider bereits ein ganz und gar nicht erfreuliches "Ergebnis" gezeitigt – und zwar, dies sei festgehalten, wohl entgegen den Intentionen der an dieser Diskussion beteiligten Politiker/innen und Schulexperten –: nämlich die Verfestigung der Vorstellung von den negativen Auswirkungen der Migration.

Nun sollen die Schwierigkeiten in der schulischen Förderung von Kindern nicht deutscher Muttersprache nicht kleingeredet werden. Es wäre aber auch an der Zeit, davon zu sprechen, wie viel soziale Kompetenz, Bildungsethos und demokratiepolitisches Bewusstsein gerade auch von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in die Schulen gebracht wird.

Zur Illustration ein kurzer Rückblick auf eine Diskussionsveranstaltung über Schule und Demokratiepolitik im Brigittenauer Gymnasium vor einigen Tagen: Obwohl am späteren (unterrichtsfreien) Nachmittag angesetzt, haben sich rund 30 Schüler/innen eingefunden. Eine ihrer Fragen an das Podium lautet: Was hat man davon, wenn man demonstriert? In der Diskussion wurde der persönliche Erfahrungshintergrund dieser Frage rasch klar: Die betreffende Schülerin hatte wegen oppositioneller Aktivitäten aus dem Iran flüchten und ihre Familie verlassen müssen. Ein anderer Schüler berichtet, dass seine Eltern wegen der Teilnahme an einer Demonstration schwer misshandelt worden waren. Aus diesen und anderen persönlichen Erfahrungsberichten entwickelt sich eine engagierte Diskussion über den Einsatz für demokratische Grundrechte und warum es sich dafür zu kämpfen lohnt – gerade auch in diktatorischen Regimen. Zu Wort melden sich überwiegend junge Frauen mit eigener oder familiärer Migrationserfahrung. Was wir – die Teilnehmer/innen am Podium – hier in beeindruckender Form erfahren konnten, ist sicher nicht immer schulischer Alltag, vor allem nicht an den Pflichtschulen, aber es ist auch Teil der vielfältigen schulischen Realität in Wien. Denn engagierte, motivierte und gut gebildete junge Menschen mit nicht deutscher Muttersprache gibt es sicher nicht nur am Brigittenauer Gymnasium. Auch ihre Stimme sollte gehört werden, wenn es um die Frage Schule und Migration geht. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004)

Zur Person

Heidemarie Uhl lehrt Zeitgeschichte an der Uni Wien.

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