Kommentar der anderen: Das Unerträgliche und das Unaussprechliche

10. Dezember 2004, 19:31
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Die Pisa-Debatte bricht – endlich – das Gesamtschultabu - Von Karl Heinz Gruber

In Deutschland ist Andreas Schleicher, der für die Pisa- Studie zuständige Chefanalyst der OECD, schon seit einiger Zeit der Buhmann der Bildungspolitik. In Österreich ist er gerade erst dabei, zum "Public Enemy Nr. 1" zu werden. Schleicher hat Deutschland und Österreich eine schwere kollektive narzisstische Kränkung zugefügt, indem er den beiden Ländern den Pisa- Spiegel vorgehalten hat, in dem ziemlich "mittelmäßige" Schülerleistungen sichtbar wurden, die so gar nicht mit den Selbstbildern der zwei Länder als "Bildungsnationen" übereinstimmen.

Nicht genug damit: Schleicher verknüpft das Unerträgliche mit dem Unaussprechlichen: Er zieht aus dem mangelhaften Abschneiden der deutschsprachigen Schulsysteme den Schluss, dass die frühe Selektion und die daraus resultierende soziale Segregation für die Förderung aller Begabungen untauglich ist und einer umfassenden "inneren Reform" der Schule im Wege steht.

Er bricht ein in Österreich und in Deutschland seit 20 Jahren streng eingehaltenes Tabu und fordert für beide Länder eine Gesamtschulreform, mit einer einheitlichen gemeinsamen Schule bis zum Ende der Schulpflicht, mit einem reichen Fundus an unterrichtlicher Differenzierung und Individualisierung und der gezielten Förderung ("positiven Diskriminierung") von Kindern aus nicht-deutschsprachigen Familien.

Wie naiv, polemisch und falsch der Vorwurf ist, Gesamtschulen seien etwas "Sozialistisches" und ihre Einführung sei "ideologisch", zeigt ein Blick ins Ausland. Politisch so unterschiedliche Länder wie Finnland und Japan, Schweden und Australien, Kanada und Norwegen haben seit Jahrzehnten Gesamtschulsysteme. In Frankreich und Italien haben nicht die Linken, sondern die Gaullisten und die Christdemokraten schon vor Jahrzehnten die gemeinsame Mittelstufe eingeführt. In England sind die meisten katholischen Privatschulen "comprehensive schools", und alle Waldorfschulen sind "gesamtschulähnlich".

Wenn die Forderung nach einer "Demokratischen Leistungsschule" (so der Titel eines viel gelesenen Gesamtschulbuches der 1970er-Jahre) ideologisch ist, so ist die Beibehaltung des schulorganisatorischen Status quo, der, wie Pisa zeigt, die Bildungschancen von Unterschicht- und Ausländerkindern massiv behindert, nicht minder ideologisch.

Schleichers Tabubruch bereitet nicht bloß dem Unterrichtsministerium Unbehagen, er bringt die österreichische Zukunftskommission, deren Leiter Günther Haider auch für die Durchführung der Pisa-Studie in Österreich zuständig ist, in arge Bedrängnis. Haider und die Zukunftskommission hatten etwa vor einem Jahr den Auftrag, alle Stärken und Schwächen des österreichischen Schulwesens, inklusive (!) jene der Schulorganisation zu untersuchen und Reformvorschläge zu erstellen. Die Zukunftskommission brachte das erstaunliche Kunststück fertig, die zahlreichen Befunde der österreichischen und europäischen Bildungsforschung der letzten vierzig Jahre, die nachweisen, dass frühzeitige Auslese sozial unfair, psychometrisch unverlässlich, didaktisch schädlich und teuer ist, zu ignorieren und sich um das Problem der Reformbedürftigkeit der Schule der 10- bis 15-Jährigen herumzudrücken.

Die Frage, wie es zu dieser "Unterlassungssünde" bzw. Amputation des erziehungswissenschaftlichen Sachverstandes gekommen ist, ist deswegen so wichtig, weil bei dem für Ende Jänner angekündigten "Reformdialog" des Unterrichtsministeriums "in- und ausländische Experten", darunter nicht zuletzt der Leiter der Zukunftskommission Haider, eine zentrale Rolle spielen sollen. Wenn die Experten bei dieser Veranstaltung nicht mehr Courage zeigen als die Zukunftskommission, wäre eine große Chance zur Aufklärung, zur Entkrampfung und zur Entpolarisierung des bildungspolitischen Diskurses in Österreich vertan.

Apropos Pisa: Es ist zu befürchten, dass (wie schon bei Pisa 2000) das tatsächliche Abschneiden Österreichs bei Pisa 2003 noch "mittelmäßiger" ist als es die offiziellen Durchschnittswerte und Rangplätze anzeigen. Während nämlich in den meisten europäischen Pisa-Teilnehmerländern die getesteten Jugendlichen 100 Prozent der 15- bis 16-Jährigen umfassen, fehlen in Österreich jene Jugendlichen, die unmittelbar nach Beendigung der Schulpflicht mit 15 Jahren das Schulsystem verlassen haben. Würde man die Leistungen dieser Gruppe, die mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr schwache Testresultate erreicht hätte, in die Auswertung einbeziehen, stünde der Turm der österreichischen Pisa-Ergebnisse noch schiefer. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004)

Zur Person

Karl Heinz Gruber war bis vor Kurzem Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Uni Wien und beschäftigt sich – "horribile dictu" – seit 1968 mit Schulreformen in Europa.

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