Geistesblitz: Eine Brücke für die Vertriebenen

16. Dezember 2004, 15:19
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Sandra Wiesinger-Stock: Idealismus für die Exilforschung

Eine Brücke zu schlagen für die Vertriebenen, damit sie einen Weg zurückfinden nach Österreich - wenn schon nicht in wörtlichem Sinne, so doch emotionell. Sandra Wiesinger-Stock baut für dieses Ziel seit 2002 die Österreichische Gesellschaft für Exilforschung mit auf. Und soeben hat sie eines der größten Symposien ("Brüche & Brücken"), die es in Österreich je zu dem Thema gegeben hat, organisiert. Es wurde gemeinsam mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft und dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien auf die Beine gestellt - DER STANDARD berichtete. Die studierte Geschichts- und Publizistikwissenschafterin widmet sich der Exilforschung in Österreich - mit "Idealismus und Leidenschaft, das bringe ich im Übermaß auf".

Beim Erzählen über ihre Arbeit ist sie kaum zu stoppen. Was als Indiz für ihre Begeisterung gewertet werden darf. "Das Symposium hat gebracht, dass wir viele Wissenschafter, die weltweit in der Exilforschung arbeiten, kennen gelernt haben," sprudelt sie. Damit sei eine einmalige Vernetzung vorangetrieben worden. Dem Ziel, "die Grundanliegen der Exilforschung einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen", ist sie damit ein Stück näher. Schließlich gehe es nicht nur darum, den Betroffenen ihre Wunden zu schließen - indem man ihnen das Österreich nahe bringt, das nichts mit Vertreibung und Nationalsozialismus zu tun hat. Als Beispiel nennt Wiesinger-Stock den Wissenschafter Carl Djerassi ("Vater der Pille"). Er würde sich wieder mit dem früheren Heimatland auseinander setzen - was er ohne Vermittlung durch die Exilforschung, wie sie meint, nicht getan hätte. Es gehe auch um Österreich selbst, und dass es ein Verständnis entwickelt, "wie es mit Exil umgeht".

Das Interesse für jene, die während der Nazi-Herrschaft aus Österreich vertrieben wurden, hat die Grande Dame dieses Forschungsbereichs bei der gebürtigen Oberösterreicherin geweckt: Professorin Erika Weinzierl. Diese sei ihre Mentorin, ihr Vorbild. Wiesinger-Stock bereitet momentan mit ihr gemeinsam zwei Buchpublikationen vor. Zu ihrem ersten Buch, das auf Basis ihrer Diplomarbeit erschien, hat Weinzierl das Vorwort beigesteuert. Es handelt sich dabei um die Biografie der Schriftstellerin und Journalistin Hilde Spiel (1936 emigriert, 1945 nach Österreich zurückgekehrt). Für dieses Werk hat sie 1998 den Käthe-Leichter-Staatspreis für Frauenforschung bekommen.

Die 35-Jährige, die sich die Basis für ihre wissenschaftliche Arbeit in einem Archiv in Wels (OÖ), beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und bei zwei Universitätslehrgängen erworben hat, bereitet nun das nächste Großprojekt vor. 2007 wird es in Anlehnung an das Symposium eine Ausstellung geben - ebenfalls in einem Umfang wie es ihn in Österreich noch nie gegeben hat. "Alle gesellschaftlichen Bereiche, auch die Alltagsgeschichte" der Exilanten und Exilantinnen würden dabei gezeigt werden. Geldgeber und Sponsoren sind für dieses Projekt gerne gesehen, erste Finanzverhandlungen wickelt Wiesinger-Stock gerade ab.

So viel Leidenschaft für den Beruf der freien Wissenschafterin in der Exilforschung muss von irgendwoher Nahrung bekommen. Sandra Wiesinger-Stock bezieht sie aus der Musik. Diese sei für sie "essenziell", und "gerade in schwierigen Zeiten hole ich da viel Energie heraus". Sie liebt es, den Rhythmus von Jazz, Soul und Funk zu spüren, wiegt sich dazu oder spielt "in spontanen Musiksessions" mit Freunden. Sie selbst nimmt dann auch schon einmal die Gitarre zur Hand.

Wenn "ich einmal an etwas dran bin, dann bleibe ich es auch". Das heißt, sie wird weiter Brücken bauen. Damit noch viele aus dem Exil zurückfinden. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 12. 2004)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
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