Steirische Schule für alle

10. Dezember 2004, 20:04
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In Kalsdorf kooperieren Pflicht- und AHS-Klassen im Sinne einer Gesamtschule - Dies könnte österreichweit Schule machen

In Kalsdorf bei Graz kooperieren Pflicht- und AHS-Klassen im Sinne einer Gesamtschule. Ein Projekt, das österreichweit Schule machen könnte – im wahrsten Sinne des Wortes.

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Graz Eigentlich gibt es in der Steiermark noch keine Gesamtschulen. Eigentlich. Denn eine Volksschule in der südlich von Graz gelegenen Gemeinde Kalsdorf ist nicht nur seit 20 Jahren eine Vorzeigeschule in Sachen Integration, sie arbeitet auch kooperativ mit der Hauptschule im Ort und einem Grazer Gymnasium. "Das ist ja natürlich das, was man eine Gesamtschule nennt, was man aber so nicht nennen darf", scherzt die Direktorin der VS Kalsdorf, Helga Vukan, in Anspielung auf die Ideologisierung des Begriffs.

Neue Standards

Für parteipolitische Debatten hatte Vukan in den vergangen Jahrzehnten keine Zeit: sie war mit realer Bildungspolitik beschäftigt. Ihre Schule setzte – mit der Unterstützung einer "sehr schulfreundlichen, offenen Gemeinde" – neue pädagogische Standards. So war die Volksschule der Marktgemeinde, die 5200 Einwohner zählt, nicht nur die erste Integrationsschule der Steiermark, sondern wurde auch zum Vorbild für die damaligen Wiener Integrationsklassen. "Das Problem war aber bald", erinnert sich Vukan im Standard-Gespräch, "dass es keine Schule gab, wo die Kinder nach der Volksschule so weiterlernen konnten".

Vor vier Jahren startete daher die erste SIM-Klasse in Kalsdorf, eine Sozial-Integrative-Mittelschule: Lehrer des Gymnasiums Klusemannstraße aus Graz unterrichten in dislozierten Klassen in Kalsdorf gemeinsam mit Hauptschullehrern.

Im Herbst 2005 wird der nächste Schritt vollzogen: Wenn ein gemeinsames Konzept vom Leiter der Hauptschule Kalsdorf, Gerhard Lenz, und Helga Vukan genehmigt wird, wollen die beiden nebeneinander liegenden Schulen eine kooperative Mittelschule starten. Volksschul-, Hauptschul-, Sonderschul- und AHS-Lehrer werden dann an einer Schule zusammen unterrichten, die Zeugnisse am Ende des Schuljahres werden für jeden der Schultypen Gültigkeit haben.

Für Vukan funktioniert die Integration von schwächeren Kindern und die Gesamtschule nach dem gleichen Muster: "Unsere Erfahrung hat deutlich gemacht, dass die wichtigsten Punkte Individualisierung und Binnendifferenzierung sind." Neben abwechslungsreichem, individuellem und zielorientiertem Lernen durch den Einsatz alternativer und bewährter Unterrichtsformen, sind den 35 Lehrerinnen in Kalsdorf, die insgesamt zwölf Klassen betreuen (acht davon mit Integration), vor allem "Toleranz und Wertschätzung" wichtig.

Angesichts der aktuellen Pisa-Studie richtet Vukan der Bundespolitik aus: "Fehler machen gehört zum Lernen dazu!"

Langsam frustriert

Auf Landesebene hat Vukan längst Befürworter ihrer Ideen. "Eine absolute Herzeigeschule", befindet die steirische Bildungslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder (VP). Ob die junge Politikerin und der rebellische Parteisekretär der steirischen VP, Andreas Schnider, Bundesministerin Elisabeth Gehrer etwas für die Gesamtschule öffnen konnten, oder nur die aktuelle Pisa-Debatte, wisse Edlinger-Ploder nicht. "Jedenfalls ist sie jetzt gesprächsbereiter. Aber ich habe zum Teil sehr andere Auffassungen. Da wird man langsam ein bisschen frustriert." (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004)

Von Colette M. Schmidt
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