Das Imperium schlägt zurück

8. Februar 2005, 16:14
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Chinas atemberaubender Aufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Ab jetzt denkt mein Lieblingswerkzeug chinesisch. Statt nach Mao-Bibeln greifen die Chinesen jetzt nach IBM-ThinkPads und -PCs, so wie die chinesischen "Taikonauten" vor knapp einem Jahr nach den Sternen griffen.

Heute ist es Liu Chuanzi, ein Radarphysiker aus Schanghai, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Vorsitzender des Industrieverbandes und Chef von Lenovo.

Chinas Bill Gates

Nach einer Vergangenheit der politischen Umerziehung in einer Kommune hat der chinesische Bill Gates in weniger als 20 Jahren den zweitgrößten chinesischen Konzern geschaffen und mit der 1,75-Milliarden-Dollar-Akquisition der IBM.PC-Sparte (ein Drittel in bar!) den drittgrößten PC-Hersteller der Welt.

Chinas globale Expansion als Wirtschaftsmacht wurde mit einem Paukenschlag eingeleitet:

1. Von der Kosten- zur Markenperspektive: Immer mehr chinesische Unternehmen setzen an zum "großen Sprung", vom namenlosen Auftragsproduzenten zum globalen Wettbewerber mit eigenen Marken und Identität. So hat vor Lenovo der Elektrogerätehersteller TCL seine Handysparte mit der französischen Alcatel zusammengelegt, seine TV-Produktion mit Thomsom und ist so zum weltgrößten TV-Gerätehersteller aufgestiegen - einen Sprung, den zuvor schon Unternehmen wie Huawei und der Hausgerätehersteller Haier geschafft haben.

Und selbst im spezialisierten Klaviermarkt kaufte die Pearl River Piano Group die deutsche Rittmüller-Marke aus dem Jahr 1795 und Techtronic die dynamische Werkzeugmarke Ryobi. Chinesen haben den Wert globaler Marken entdeckt.

2. Vom lokalen zum globalen Vorteil: Mit etwa acht Prozent Wachstum der industriellen Produktion in den letzten vier Jahren ist China zur absoluten globalen "Werkbank" mutiert. Kein Wunder, ist doch China einer der größten Abnehmermärkte für Kühlschränke, Handys oder Autos.

Lenovo lebt die nächste Stufe vor: der ehemalige chinesische Auftragsproduzent ist zum respektierten Global Player mutiert - zwar immer noch erst halb so groß wie Dell oder HP, aber dafür klarer asiatischer Marktführer mit einer geradezu idealen Wertschöpfungskette: Börsennotierung, Konzernheadquarter und Divisionsmanagement in New York, IBMs Marken, Technologie und Vertrieb und chinesische Fertigung und Weiterentwicklung.

Globale Vorteile

Damit lebt Lenovo vor, wie man flexibel globale Vorteile nutzen kann. Der Beweis einer erfolgreichen Integration komplexer Strukturen muss jedoch erst noch erbracht werden und wird durchaus skeptisch gesehen.

"Wann haben Sie das letzte Mal eine erfolgreiche Fusion in der Hardwarebranche gesehen?", kommentierte es PC-Weltmarktführer Michael Dell süffisant.

3. Vom Nachahmer zum Kulturexporteur: Das Reich der Mitte katapultiert sich mit enormer Geschwindigkeit aus der Rückständigkeit in die Zukunft. Binnen vier Jahren ist die Zahl der Internetanschlüsse von 17 auf 90 Millionen gestiegen, kaum ein Stararchitekt, der nicht in Peking baut, kaum ein Unternehmen, das nicht den größten Anteil seiner Auslandsinvestitionen dorthin lenkt.

Der Aufstieg

Chinas atemberaubender Aufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht zeigt sich auch dort, wo in Zukunft die Grundlagen für Produktivität und Wachstum geschaffen werden - in der Bildung: Bei der jüngsten Pisa-Studie kam Hongkong auf den ersten Platz.

China wird damit zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten und des innovativen "trial and error", mit dem Potenzial, sich als dritte Kraft neben der amerikanischen und der europäischen zu positionieren.

Die beiden chinesischen Schriftzeichen, die seit Jahrhunderten für China stehen, bedeuten "Mittelpunkt der Welt" und "Platz großen Reichtums" - Symbole für Chinas Selbstverständnis einer Weltmacht, die ihren Platz wieder einnimmt.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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