"Erinnere dich, Wolfgang!"

20. März 2005, 22:31
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Kommentar der anderen: Offener Brief an Bundeskanzler Schüssel von Uwe Bolius

Lieber Wolfgang Schüssel, sag, hast du deinen Rat an die Eltern, den Kindern Bücher zu schenken, um ihre Leseleistung zu steigern, ehrlich gemeint? Oder bist du zum Zyniker geworden, der du in der Jugend nicht warst? Komm, erinnern wir uns gemeinsam.

Vor mehr als 30 Jahren hast du beim Arbeitskreis "Nachmittagsschule", den ich gegründet hatte, mitgemacht. Das war ein privater Verein, der Kinder aus den Unterschichten besonders fördern wollte. Gedacht war vor allem an vernachlässigte Kinder aus der Großfeldsiedlung in Wien. Wir waren alle davon überzeugt, dass die damalige Schule umgebaut gehört. Statt Frontal- sollte es Gruppen- und Projektunterricht geben. Kinder sollten nicht mehr sitzen bleiben müssen, sondern gefördert werden. Und zwar alle Kinder, nicht bloß die der Reichen. Ein positives Schulklima sollte entstehen, in dem Lernen Spaß macht. Der Staat sollte das alles organisieren. Und du warst, wie wir alle, für die Gesamtschule der Sechs- bis 15-Jährigen.

Heute kämpft deine Lieblingsministerin mit den negativen Resultaten der Pisa-Studie, und du lässt sie im Regen stehen. Oder gibst zynisch klingende Ratschläge. Und schweigst. Wie so oft in all diesen Jahren. Wieder malen, wie vor 36 Jahren, die reaktionäre Stimmen der ÖVP den "Einheitsbrei" an die Wand, der in der Gesamtschule angeblich entstehe. Ein pädagogischer Brei, der "nicht zu Spitzenleistungen führt" (Pühringer).

Da kann man nur zynisch zurückfragen: "Führt denn das heutige System zu Spitzenleistungen?" Hast du wirklich alles vergessen, worum wir damals kämpften, weil es auch dein Anliegen war?

Ich schreibe heute Bücher und mache Filme, habe also schon lange nichts mehr mit Schulproblemen zu tun. Aber deswegen verliere ich doch nicht mein Gedächtnis! Politik hat, ganz im nebenbei, auch mit Wahrheit zu tun. Unter deiner Führung mussten wir lernen, dass Österreich vor allem eins, nämlich: schön sei. No na. Die Schönheit unseres Landes, die keiner bezweifelt, wurde zur Lebenslüge deiner Politik.

Kommt dann jemand von außen, wie die OECD, und zeigt uns ein Stückchen Wahrheit, sollen wir alle, ginge es nach dir, "Pfui" rufen; und deine ÖVP am aller lautesten.

Daher mein unzynisch gemeinter Vorschlag: Kehr zu deiner Jugend zurück, lieber Wolfgang Schüssel, auch zu deinen christlichen Wurzeln, spring über deinen Schatten und durchbrich dein dröhnendes Schweigen. Gib endlich zu: "Auch ich war einmal für die Gesamtschule. Und bin es noch immer." Oder mach uns allen klar, warum du es nicht mehr bist. Wenn du es in der Tat nicht mehr bist. Schweigen kann bei Philosophen Weisheit bedeuten. Bei Politikern bedeutet es, außer Kalkül, ganz sicher auch dies: Feigheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004)

Zur Person

Uwe Bolius ist Buchautor und Filmemacher.

  • Wolfgang Schüssel.
    foto: guenter r. artinger

    Wolfgang Schüssel.

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