Analyse: Strasser - Emotionaler Minister mit wenig Feingefühl

17. Dezember 2004, 20:38
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Von Michael Völker

Vor zwei Wochen im Kaffeehaus: Ernst Strasser tobt. "Was ist los mit euch? Ihr wollts mich fertig machen!" Der Innenminister hat ein Problem mit der Berichterstattung. Eine Kampagne werde da gegen ihn gefahren, völlig ungerechtfertigt, an den Fakten vorbei. "Ihr machts euch lächerlich." Um ein offenes Wort ist Strasser im inoffiziellen Gespräch selten verlegen. Es geht um den so genannten Asylmissbrauch. Strasser reagiert außerordentlich emotional. Wie so oft.

Justizminister Dieter Böhmdorfer, selbst aufbrausend und jähzornig, verwies gerne auf Strasser: Immerhin werfe er, Böhmdorfer, in seinem Büro nicht mit Laptops um sich.

Strasser ging viele Konflikte mit großer Emotionalität an. Auf der einen Seite hatte er einen sehr pragmatischen Ansatz, das Amt zu führen, sah sich gerne als Manager im Innenministerium, dessen Stärke die Analyse ist und der problemlösungsorientiert arbeitet. Auf der anderen Seite war der Geduldsfaden schnell gerissen, konnte Strasser aggressiv werden, nahm Kritik sehr persönlich und trug auch politische Konflikte nicht selten mit der Vehemenz einer persönlichen Auseinandersetzung aus, angeleitet von Trotz und Enttäuschung. Was Strasser abseits der Öffentlichkeit über seine "Gegner", etwa in Menschenrechtsorganisationen, zu sagen hatte, war mitunter starker Tobak.

Anders als die roten Innenminister vor ihm war Strasser nicht daran gelegen, beliebtester Ressortchef zu werden und sich zum Darling des Apparats zu machen. Er sah sich mehr als Manager, Innenminister sei nicht sein Traumberuf oder gar seine Berufung, sondern eine Aufgabe auf Zeit. Auf beschränkte Zeit, wie er immer wieder betonte.

Die meisten Minister vor ihm führten nicht den Apparat, sondern wurden vom Apparat geführt. Als erster von vier Innenministern setzte sich Strasser gegen den Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika, durch und ersetzte den schließlich durch einen handzahmen, unaufgeregten, unpolitischen Nachfolger ohne großen Ehrgeiz. Und er räumte weiter um, ohne dabei auf Feingefühl zu achten. Den mächtigen roten Gendarmerie-General Oskar Strohmeyer, der aufzumucken gewagt hatte, verräumte er erst in einem Kammerl bei der Flugrettung, ehe er ihn in Zwangspension schickte. Den mächtigen Wiener Polizeimajor Franz Schnabl schikanierte er so lange, bis der schließlich aufgab und in die Privatwirtschaft zu Frank Stronach wechselte. Den mächtigen roten Sektionschef Wolf Szymanski degradierte er und drangsalierte ihn in Frühpension. Strassers Zugeständnisse an die politische Opposition, egal ob im eigenen Haus oder im Parlament: null.

Strasser hat, ganz wertfrei gesagt, die Dinge angepackt. Die Zusammenlegung von Polizei und Gendarmerie ist eine Großleistung, andere Sachen funktionierten weniger gut. Aber er hat gemacht, egal wie groß der Widerstand war. Das war eher noch Ansporn. Beliebt war er als Innenminister im eigenen Haus nicht, das zeigte sich auch an den roten Zugewinnen bei den jüngsten Personalvertretungswahlen.

Beliebt war Strasser auch bei Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nur bedingt. Strasser sah sich als so etwas wie eine regierungsinterne Opposition, die dem Kanzler nicht zu unbedingter Loyalität verpflichtet ist. Da schon eher dem niederösterreichischen Landeshauptmann, der er selbst einmal werden könnte, sollte sein Abschied in die Privatwirtschaft nicht endgültig sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.12.2004)

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