Der Rhythmus ist ja nicht schlecht

17. Dezember 2004, 12:47
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Österreichs Jugendbischof Franz Lackner über das Religiöse in der Popmusik

Dass einer einmal hergehen könnte, einer wie Kanye West, und den aufmüpfigen, die Alltagsgewalt der amerikanischen "inner cities" vertonenden HipHop als scharfen Rhythmus für seine Predigt nutzt, das hat die jungen Rapper wahrscheinlich mehr überrascht als den österreichischen Jugendbischof. Denn der Franziskaner Franz Lackner, Weihbischof von Graz-Seckau, sieht so ein Phänomen nicht mit den Augen des um Aktualität bemühten Musikkritikers, sondern mit der Gelassenheit derer, die im Lauf der vergangenen 2000 Jahre schon einiges erlebt haben. Unter anderem eben, "dass Religion und Musik immer zusammengehört haben". Die Religion sei etwas sehr Ursprüngliches, Authentisches, und genau das sei die Musik auch. "Wo sind denn die Orte religiöser Erfahrungen", fragt Franz Lackner und antwortet: "Bei Konzerten erleben viele junge Menschen Momente, die die Rationalität übersteigen." Und dann fragt er weiter: "Ist das bei uns auch so?" Und muss gestehen: "Es könnte mehr sein."

Dass einer wie Kanye West und sein Jesus Walks, eine Partie wie die deutsche "E Nomine" mit ihrem Vater Unser oder die Toten Hosen und ihre 10 Gebote das Religiöse bloß als ästhetisches Material heranziehen, könne natürlich schon sein, und das wäre genauso schlecht, als würde die Kirche in der Musik bloß das Instrument der Verkündigung sehen. Man müsse beides, das Ästhetische und das Religiöse, in der jeweiligen Autonomie akzeptieren. Aber dazwischen gebe es zahlreiche Verbindungen, nein, mehr: Verbündungen. Und Verbündete brauche nicht nur die Kunst, sondern auch der Glaube, nicht umsonst habe Jesus zu den Menschenkindern gemeint, "ihr seid das Salz der Erde". - "Salz kann man allein nicht essen. Aber in Verbindung mit etwas anderem ist es köstlich." Zwischen Religion und Musik gebe es - um's salopp zu sagen, so der Bischof - "Koalitionsverhandlungen". Dabei dürfe aber nicht versucht werden, den jeweils anderen quasi über den Tisch zu ziehen: "Es soll nicht so sein, dass die Musik in der Religion oder die Religion in der Musik verschwindet."

"Wenn ich du wär, lieber Gott, und wenn du ich wärst, lieber Gott, glaubst du, ich wär auch so streng zu dir? Wenn ich du wär, lieber Gott, und wenn du ich wärst, lieber Gott, würdest du die Gebote befolgen, nur wegen mir?" So singen es die Toten Hosen, und das mag in manchen Ohren ein wenig blasphemisch klingen. Aber der am Heiligen Franz geschulte Weihbischof nimmt diesbezüglich lieber die Kirche in die Pflicht, von der er möchte, "dass man die jungen Menschen so sein lassen soll, wie sie sind". Nämlich authentisch, grad heraus, spontan, ungeniert.

In der Vergangenheit gab es da durchaus Versäumnisse, man habe den Glauben ein wenig verniedlicht, "die Radikalität des Weges nicht ins Bewusstsein gerückt". Manche Priester wollten zum Beispiel nicht mehr über den Teufel reden. "Bei vielen Gesprächen habe ich aber gemerkt: Der Teufel ist ein Thema bei den Jungen." Zuweilen so sehr, wie es sich die Kirche nicht wünschen kann. Aber auch das ist ein Zeichen dafür, wie sehr spirituelle Fragen in die säkulare Welt gerückt sind oder worden sind.

Ob der Bischof sich HipHop-Rhythmen, Rave-Sounds, Punk-Messen in den Kirchen vorstellen könne, beantwortet er zweigleisig. Einerseits "grundsätzlich: warum nicht?", andererseits müsse es auch "Grenzen geben", eine davon sei fraglos der Lärm, "so laut, dass der Verputz von den Wänden bröckelt, so geht es sicher nicht". Aber insgesamt muss die Kirche sehr danach trachten, die jungen Menschen dort abzuholen, wo sie sind, "der Rhythmus per se ist ja nicht schlecht". Ganz im Gegenteil, wie er in der eigenen Diözese selbst miterlebt hat: "In drei Pfarren haben Jugendliche Musicals produziert. Und dabei nicht nur ihrer Kreativität freien Lauf gelassen, sondern auch religiöse Erfahrungen gemacht. Eine Gruppe hat zum Beispiel von sich aus gesagt: Wir wollen einen Einkehrtag machen."

Zu einem sehr großen Einkehrtag lädt der Papst im kommenden August nach Köln. Eine Million Jugendliche werden zum "Weltjugendtag" erwartet. Mag sein, dass bis dahin die Toten Hosen oder Kanye West oder U2 schon eine Messe geschrieben haben. Und dass die dann dort zelebriert wird unterm wohlwollenden Ohr des polnischen Papstes, der auf einer viel beachteten CD ja selbst einmal als eine Art Rapper in erstaunliche Erscheinung getreten ist. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004.2004)

Von
Wolfgang Weisgram
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