Ranken statt Denken?

31. Mai 2005, 11:40
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Die Gerankten sind nicht nur überall, sondern nachgerade allgegenwärtig - Von Rudolf Müllner

Die Gerankten sind überall. Es liegt nicht nur an Markus Rogan. Auch der Weihnachtsmann zum Beispiel ist im Advent schon lange Nummer eins – nachdem es ihm gelungen ist, das Christkind spätestens seit Ende des Kalten Krieges sukzessive hinter sich zu lassen. Zu lieb, schlechtes Marketing, schwache Lobby.

Das österreichische Schulsystem ließ, bereits lange bevor Elisabeth Gehrer das Amt der bildungspolitischen Cheftrainerin übernommen hat, entscheidende Punkte liegen. Aber selbst sie bzw. es konnte nicht verhindern, dass Elfriede Jelinek uns an die Spitze der Weltliteratur katapultierte. Frau Jelinek ist nach Thomas Muster übrigens der zweite steirische (und damit auch österreichische) Mensch, der es in einem bedeutenden Ranking zur weltweiten Nummer eins geschafft hat.

Kurz, die Gerankten sind nicht nur überall, sondern nachgerade allgegenwärtig. – Manchmal ist das gut für uns (zum Beispiel: Rogan, Schlager, Hagara, Jelinek), manchmal bitter (Gehrer, Bode Miller, Fußballnationalmannschaft, Austria Wien). Es scheint, als ob das Ranken an sich die eigentliche, die letzte Sportart ist, die sich durchgesetzt hat gegen alle anderen Konkurrenten.

Nicht nur im Sport, in dem das Ranking seit dessen Erfindung ja das Eigentliche, das Genuine ist, wird gerankt, sondern allüberall und dabei sind die besten Jahresrückblicke noch gar nicht an den Start gegangen.

Dem aufgeklärten kapitalismuskritischen Menschen stellen sich nach so einem beinharten Befund natürlich ein paar ziemlich komplizierte Fragen. Wird jetzt, wo so viel gerankt wird, alles sportlicher? Finde selbst ich noch rasch eine Disziplin, in der ich jemanden hinter mir lassen kann? Vor allem in den beliebten Bereichen wie Arbeit und Geschlechtspartner? Wird uns das totale Ranken das Denken bald ganz ersparen?

Markus Rogan – als einer der wenigen Sportler – könnte dazu sicher etwas Spannendes sagen. Das erst macht ihn zu mehr als nur einer Nummer eins. Und das wird dem Sport gut tun, dem Schwimmsport, dem österreichischen und überhaupt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.12.2004)

Zur Person

Rudolf Müllner arbeitet am Zentrum für Sportwissenschaft der Universität Wien.

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