"Alexander": Eroberung Now! Bis ans Ende der Welt!

26. März 2005, 22:09
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Mit "Platoon" oder "JFK" wurde Oliver Stone berühmt, mit "Alexander" legt er seinen ersten Sandalenfilm vor - Der Regisseur im Interview

Berühmt wurde er etwa mit Kriegsepen wie "Platoon" oder mit Spekulationen über die Macht wie "JFK": Jetzt legt Oliver Stone mit "Alexander" seinen ersten Sandalenfilm vor. Bert Rebhandl interviewte den umstrittenen US-Regisseur, dessen bevorzugtes Stilmittel das Stakkato ist.


Standard: Alexander der Große ist der erste historische Fall von schwerer "imperialer Überstreckung". Bagdad war bekanntlich nicht das letzte Expeditionsziel des legendären Heerführers. War es das, was Sie als politischen Filmemacher interessiert hat?

Oliver Stone: Klar! Wir dürfen aber nicht vergessen: Ich begann diesen Film schon 1989 mit Thomas Schuehly. Dann probierten wir es wieder 1996, und im Jahr 2000 schließlich mit Moritz Borman. Er machte diesen Film finanziell möglich. Das zog sich also über Jahre hin, und wenn ich mich da noch an etwas konkret erinnere, dann an Noriega in Panama und nicht an Saddam Hussein. Aber meine Alexander-Idee greift natürlich viel weiter: Es geht um einen Mann, der an das Ende der Welt gehen wollte, so weit es damals bekannt war. Er hat die Grenzen hinausgeschoben.

Sein Imperium wurde später von den Römern übernommen, aber es hatte hundert Jahre Bestand. Es gab durch ihn mehr Handel, mehr Austausch. Der hellenische Raum und der orientalische Raum wuchsen zusammen. Die Menschen wanderten in die Städte. Die Römer entwickelten sein Imperium weiter, indem sie es militaristischer machten. Imperiale Überstreckung? Nein, im Gegenteil. Er hinterließ einen wichtigen Eindruck in der Geschichte, und wie alle Männer fiel er.

Standard: Der Film wirkt politisch viel aktueller, als er anscheinend gedacht war.

Oliver Stone: (lacht) Ja, was ist das? Ich mache Filme über Wall Street, über Vietnam, über JFK, und jedes Mal treffe ich den Nerv. Ich hoffe, das passiert auch mit Alexander. Es ist mein Dienst an ihm, eine Hommage, zu einem gewissen Grad Heldenverehrung. Und was passiert? Jetzt ist Amerika im Irak und in Afghanistan.

Standard: Sie haben angeblich schon als Filmstudent an Alexander als Filmheld gedacht.

Oliver Stone: Weil er einzigartig ist! Er war 26 Jahre alt und nahm sich die Welt. Er war wild, rücksichtslos, leidenschaftlich, ein Eroberer. Er war kühn, lieb, warm, er weinte um seine Männer auf dem Schlachtfeld. Er sah gut aus und hinterließ eine gut aussehende Leiche, als er starb. Es ist der Mythos vom frühen Tod. Gründe genug?

Standard: In diesem Jahr gab es schon "Troja". Ihr Alexander begreift sich als neuer Achilles. Konnten Sie überhaupt noch reagieren auf Wolfgang Petersens Sandalenfilm?

Oliver Stone: Wir waren schon im Februar mit den Dreharbeiten fertig. Troja kam im Mai heraus, dann konnte ich ihn erst sehen. Wir haben nicht mehr unmittelbar darauf reagiert.

Standard: Die Barbaren sind ein Leitmotiv in Ihrem Film, weil schon Alexanders Mutter nicht dem griechischen Reinheitsideal entspricht.

Oliver Stone: Das Mutterthema ist unglaublich. Man denkt an die Mutter von Achilles: Du wirst ein großes Leben haben, aber früh sterben. Darauf hat sich Alexander bezogen. Sie nannte ihn den Sohn von Zeus. Es gab damals viele Halbgötter, faszinierende Gestalten. Menschen und Götter waren nicht auf exklusiven Ebenen. Aristoteles sagt in unserem Film: Das Exzellente zu lieben heißt die Götter lieben. Alexander ist für mich – der Sohn von Achilles! Aber er ist real. Die Ironie, wie bei Der Pate, ist: Achilles ist ein rücksichtsloser Mann, man macht sich in die Hosen vor ihm. Alexander ist das Gegenteil, er ist Michael Corleone, er hat Gefühle, er weint. Er wird niemals so hart wie Al Pacino in Der Pate.

Was ich an ihm liebe: Selbst nach der Meuterei ist er nicht gebrochen. Er hat den Kontakt verloren. Seine Arroganz hat ihn geblendet. Das Beste von jedem zu erwarten ist manchmal Arroganz. Dafür hat er aber die Schlacht gewonnen.

Standard: Ihr Alexander ist deutlich dem eigenen Geschlecht zugetan. Sie verkneifen sich aber eine eindeutige Szene – aus Rücksicht auf das Mainstreampublikum?

Oliver Stone:Wann habe ich einen Mainstreamfilm gemacht? Das kann ich gar nicht. Ich versuche, anders zu denken. Ich möchte nicht die Geschichte umschreiben. Diejenigen, die sagen, dass JFK die Geschichte umschreibt, haben den Film nicht gesehen. Das ist ein Film der Hypothesen, eine Dekonstruktion der Warren Commission – ich will da jetzt nicht weitschweifig werden. Es öffnet die Imagination.

Standard: Gut, aber wie halten Sie es jetzt mit der Homosexualität Ihres Superhelden?

Oliver Stone: Die Liebe und das Vertrauen der beiden Männer zueinander ist wichtiger. Das ist eine der stärksten Erfahrungen dieses Films. Das erinnert mich daran, was Aristoteles im Film sagt: Wenn Männer das Beste aneinander zum Vorschein bringen, ist das wahre Freundschaft. Ob das sexuell oder platonisch ist, spielt für mich keine Rolle.

Standard: Dann zieht er aber gleich wieder los.

Oliver Stone: Er ließ niemals einen Feind davonkommen. Er hätte Osama Bin Laden nicht einfach verschwinden lassen. Er wäre ins nächste Tal hineingegangen. Ich habe da noch viel mehr Material, ich musste das zusammenschneiden, weil ich unter Druck stand. Er verfolgte den Killer von Darius, und dann verfolgte er den Killer des Killers von Darius.

Standard: Warum liebt Hollywood die Antike zurzeit so sehr?

Oliver Stone: Gladiator war entscheidend, und dann noch Brad Pitt – der Popcorneffekt von Troja. Ich möchte aber noch einmal daran erinnern: Alexander wurde in Deutschland finanziert, in England und in Frankreich. Das ist meine erste europäische Produktion.

Standard: Es war zu lesen, dass HBO Ihren Interviewfilm "Comandante", mit Fidel Castro, nicht zeigen wollte. Warum?

Oliver Stone: Castro hatte gerade Dissidenten verhaften lassen, das machte große Schlagzeilen. Ich mag ihn sehr, er ist sehr interessant. Man sollte ihm zuhören, bevor er stirbt. Überhaupt: Was wäre falsch daran, Josef Stalin oder Adolf Hitler zuzuhören? Die Revolution ist größer als Castro, er ist einer der wenigen, die sich nicht persönlich bereichert haben. Er wird aus den falschen Gründen dämonisiert. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.12.2004)

Zur Person
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, geboren 1946 in New York, Vietnam-Veteran, wurde als Drehbuchautor (Im Jahr des Drachen) und Regisseur (Platoon, Natural Born Killers) vor allem in den 80er- und frühen 90er-Jahren wegen seines Umgangs mit Geschichte und Gewalt heftig diskutiert und mehrfach ausgezeichnet. Seine Vorliebe für die US-Historie der 60er und 70er gipfelte etwa in Bio-Pics wie The Doors oder JFK. Zuletzt erregte er eher mit Drogenexzessen Aufsehen. Alexander ist, nach "kleinen" Dokumentationen, sein Versuch einer Rückkehr zum großen epischen Kino.
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    Regisseur Oliver Stone Ende November in Stockholm während der Präsentation seines neuen Films "Alexander"

  • Es ist schon ein bisschen irre, wie bezaubert die Filmproduzenten in Zeiten des Krieges von antiken Eroberern sind: Colin Farrell in Oliver Stones (mit europäischen Geldern finanziertem) Epos "Alexander".
    foto: warner

    Es ist schon ein bisschen irre, wie bezaubert die Filmproduzenten in Zeiten des Krieges von antiken Eroberern sind: Colin Farrell in Oliver Stones (mit europäischen Geldern finanziertem) Epos "Alexander".

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