Reaktionen: Freude und Kritik

10. Dezember 2004, 19:22
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Verein Fahrgast fordert deutlich höhere Entschädigungen - Kukacka sieht "Quantensprung" - Global 2000: 224 km Bahnen eingestellt, 244 km Straßen gebaut

Wien - Unterschiedliche Reaktionen gibt es auf die heute von den ÖBB bekannt gegebene "Kundencharta" mit Entschädigungen im Fall von Zugverspätungen und die Einstellung von vier Nebenbahnen. Im Tenor werden die verbesserten Fahrgast-Rechte begrüßt, die Einstellung von Nebenbahnen aber kritisiert. Im Folgenden ein kurzer Überblick über die ersten Reaktionen:

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) begrüßt die Einführung der Passagiercharta, die für Fahrgäste Entschädigungen im Fernverkehr vorsieht. "Die Regelung ist besser, als von der EU vorgeschrieben", stellt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer in einer Aussendung fest. Der VCÖ lobt auch das verbesserte Informationsangeobt im Internet, das unter anderem auch Zugverspätungen ausweist. Bedauert wird aber die Streichung von Regionalverbindungen und die Kürzung der speziellen Bundesförderung im Nahverkehr von 50 auf 33 Prozent. Als vorbildlich sieht der VCÖ die Schweiz, wo die Zahl der Züge um 12 Prozent aufgestockt werde.

Für Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka (V) bedeutet die Kundencharta einen "Quantensprung für eine neue, moderne und kundenorientierte ÖBB". Das Unternehmen vollziehe damit einen sichtbaren "Wandel von einer Staatsbahn zu einem dynamischen Dienstleistungsunternehmen, das sich im Wettbewerb behaupten will". Mehr Pünktlichkeit, Sauberkeit und Verlässlichkeit sollten auch die Kundenzufriedenheit erhöhen. Kukacka fordert die Einführung verpflichtender Entschädigungen auch für Pendler im Nahverkehr. Auch der öffentliche Personennahverkehr müsse Service und Kundenorientierung stark verbessern. Auf die Einstellung von Nebenbahnen ging Kukacka in seiner Stellungnahme nicht ein.

Als "völlig unzureichend" empfindet der Verein "Fahrgast" die zugesagten Entschädigungen. Die ÖBB versuchten ebenso wie die Deutsche Bahn (DB) mit ihrer "Beschwichtigungs-Charta" auf EU-Ebene laufende Bemühungen von Verbraucherschutzverbänden auszubremsen, während die EU die Einführung europaweit verbindlicher Standards für den gesamten öffentlichen Verkehr plane. Der Fernverkehr mache kaum 5 Prozent des Gesamtmarkts aus. Statt "Wiedergutmachung" müsse die Definition von Qualitätsstandards und vertrauensbildender Maßnahmen für Fahrgäste im Vordergrund stehen. "Fahrgast" fordert 25 Prozent Vergütung bereits bei Verspätungen ab 20 Minuten und bis zu 200 Prozent Ersatz, wenn Anschlüsse versäumt werden und Wartezeiten über drei Stunden entstehen. Bei besonders "unwürdiger" Behandlung durch Zugpersonal sollte es bis zu 100 Prozent Vergütung geben.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 kritisiert den "Kahlschlag bei den Regionalbahnen". Mit seiner "kurzsichtigen Sparpolitik" stelle Verkehrsminister Hubert Gorbach (F) die ländlichen Regionen aufs Abstellgleis. Damit werde ein "verhängnisvoller Trend" fortgesetzt, bedauert Global-Verkehrsreferent Heinz Högelsberger: Während zwischen 1990 und 2002 244 Kilometer neue Autobahnen und Schnellstraßen gebaut wurden, sei gleichzeitig der Personenverkehr auf 224 Bahnkilometern eingestellt worden. Dabei sei die Bahn umweltschonender, sicherer und billiger als der Autoverkehr.

Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel fordert generell Vergünstigungen für Pendler. Besonders in der Ostregion müsse der Bahnausbau vorangetrieben werden. Seit Jänner 2000 seien Bahn- und Buspendler fünf Mal zur Kassa gebeten worden, die Fahrkarten seien um bis zu 40 Prozent teurer als damals. "Statt das Umsteigen vom Auto auf die Bahn attraktiver zu machen, müssen die Pendler als Folge der ÖBB-Zerschlagung erneut tiefer ins Geldbörsel greifen", so Tumpel. (APA)

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