"Sie verhandeln weder mit der Gesellschaft noch Ihrer Zeit"

10. Dezember 2004, 20:12
4 Postings

Festredner Horace Engdahl: Elfriede Jelinek fange ein "giftiges Murmeln ohne Ursprung oder Ziel" ein, die "Stimme der Massen"

Stockholm - "Was zuerst perplex macht, wenn man Elfriede Jelinek liest, ist die eigenartige, gemischte Stimme, die aus ihrem Schreiben spricht", sagte der Permanente Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, zu Beginn seiner Rede auf die abwesende österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. "Die Autorin ist überall und nirgends, sie steht niemals ganz hinter ihren Worten, noch gibt sie ihren literarischen Figuren insofern nach, dass diesen die Illusion ihrer Existenz außerhalb der Sprache erlaubt wäre. Es gibt nichts außer einem Strom von angereicherten Sätzen, scheinbar unter Hochdruck zusammengefügt und keinen Raum für Momente der Entspannung lassend", so Engdahl am Freitagnachmittag bei der feierlichen Verleihungs-Zeremonie der Nobelpreise im Stockholmer Konzerthaus.

Engdahl betonte, dass Jelinek mit Absicht ihr Werk den Klischees der Nachrichtenmedien, Werbung und Populärkultur öffne - "dem kollektiven Unterbewussten unserer Zeit". Jelinek manipuliere die Codes von Trivialkultur, Seifenopern, Pornografie und Heimatromanen, so dass der "innere Wahnsinn dieser vorgeblich harmlosen Konsum-Phänomene durchscheint". Sie fängt ein "giftiges Murmeln ohne Ursprung oder Ziel" ein, die "Stimme der Massen". "Erschrocken entdecken wir, wie Klassenunterdrückung, Sexismus, Chauvinismus und die Verzerrung der Geschichte durch alltägliche Konversationen hallen". Der Sport ist "sofort suspekt: seine militaristischen Drills, die Uniformen, der Kult um die Starken und Siegreichen". Und die Natur sei "eine politische Falle. Österreichs Alpen-Landschaft war die perfekte Kulisse für ihre Zerstörung des Idyllischen", befand Engdahl.

Die "verborgene Schrift der Zivilisation"

Jelinek bearbeite "unsere normalen Ideale und Tagträume" mit ihren Instrumenten der "herzlosen Wortspiele, makabren Metaphern und teuflisch verdrehten Klassikerzitaten". Danach seien diese Ideale und Tagträume "nicht mehr dieselben". Wie mit Infrarot-Licht beleuchte sie die "verborgene Schrift der Zivilisation. Wo wir eine normale Gesellschaft sahen, sehen wir nun ein geschlossenes System von männlich/weiblich, Angriff und Unterwerfung, Jäger und Beute". Und "wir werden gezwungen zu akzeptieren, dass wir die Sprache des Jägers sexier finden als die der Beute". Jelineks Sozialkritik sei nicht aus der sicheren Position des überlegenen Wissens, sondern aus der Tiefe eines bedingungslosen Angestecktseins geformt.

In Jelineks Werken kommen die Toten nicht zurück, um zu trösten, sondern um Zeugnis abzulegen. Das Sein der Frau sei wie dasjenige des Vampirs, "gleichzeitig tot und lebendig, da ihr vollständiger Ausdruck verboten ist". Als "Erbin" der langen Reihe von sprachkritischen österreichischen Autoren von Johann Nepomuk Nestroy bis Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard wisse Jelinek "um die Wichtigkeit, aus dem Pathos des Desasters die Luft herauszulassen".

"Kein sympathischer Erzähler"

Die literarischen Genres "verschwimmen bis zum Verschwinden" unter Jelineks Händen, so Engdahl. Ihre Stück seien nicht Theater, sondern "Texte zum Gesprochen-Werden, befreit von der Tyrannei der dramatischen Rollen". Auch ihre Prosa "zerbricht freudig die Gesetze der klassischen Erzählkunst. Der Autor überlässt den Figuren nicht die Bühne, sondern betrachtet sie fast wie Insekten unter einem Glassturz". Durch die "musikalischen Wechsel von Sprachen und Gegenstimmen" lasse Jelinek eine Welt entstehen, "beleuchtet von ihrem Leben spendenden Zorn".

Die Schwierigkeit dabei, Jelinek zu lesen, liege darin, dass es "keinen sympathischen Erzähler" gebe, "bei dem der Leser sich ausruhen kann". Dies sei "das Erwachen aus dem Narzissmus des Lesens". Jelinek sei "keine Pessimistin, denn im Pessimismus findet sich generell ein Hauch von Selbstmitleid": "In ihren Verdammungen knirscht eine skandalöse Heiterkeit ohne Hoffnung, die Strahlen einer schwarzen Sonne".

Direkte Ansprache

Geplant war, dass Engdahl die letzten Worte seiner Rede auf Deutsch direkt an die vor dem Bildschirm weilende Autorin richtet. "Hoch geehrte Elfriede Jelinek! Durch Ihr Schreiben haben sie einer ketzerischen weiblichen Tradition neuen Wert gegeben und die Kunst der Literatur erweitert. Sie verhandeln weder mit der Gesellschaft noch Ihrer Zeit, noch passen Sie sich an Ihre Leser an. Wenn die Literatur als Kraft definiert wird, die sich nichts beugt, dann sind Sie in unseren Tagen einer ihrer wahrhaftigsten Vertreter". (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.