Stadt der Zahlen

15. Dezember 2004, 18:59
15 Postings

Shoppen, Essen, Maß halten sind die drei typischen Beschäfti- gungen im Inselstaat Singapur, fand Ernst Strouhal ...

... - und lernte, was man in Asien unter einem "dürren Ast" versteht


Man weiß nicht, soll man Otis Redding hören oder Kraftwerk. In gleichmäßigem Takt heben die Ladebrücken Container auf Container aus den Riesenschiffen und stapeln sie trotz ihres Gewichts von bis zu 26 Tonnen leicht wie Legosteine auf dem Terminalboden. Es dauert kaum einen Tag, bis die Schiffsladung mit 3000 Containern umgeschlagen ist. Was die Stahlboxen enthalten, bleibt unklar: Maschinenteile für Chiwan, Chianti für Korea oder einige Tonnen T-Shirts aus China für Europas Boutiquen. Über 18 Millionen Container, strikt normiert mit 20 oder 40 Fuß Länge, schafft der Hafen von Singapur pro Jahr. Der Prozess ist weit gehend automatisiert. Man geht durch bunte, sich täglich verändernde Containerschluchten, unbemannte Fahrzeuge, die von elektronischen Leitsystemen im Boden gesteuert werden, gleiten an den Besuchern vorbei.

Das Geschäft läuft und bescherte den Einwohnern von Singapur im Vorjahr ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von über 24.000 Dollar. Doch über kurz oder lang, wissen Cargoexperten, wird sich Schanghai zum größten Hafen der Welt entwickeln. Die Drehtüre zwischen Asien und Europa könnte sich vielleicht demnächst ein wenig langsamer drehen. 50 Millionen Singapur-Dollar investiert das Ministerium für Information deshalb allein in neue Software, um das Tempo des Verladeprozesses weiter zu erhöhen. Während die Verweildauer der Container ständig verkürzt wird, soll sich jene der Touristen in Zukunft verlängern. Die klassische Stopp-over-Destination wird als "Ort, an dem das moderne und multikulturelle Asien lebendig wird", beworben, mit Attraktionen, an denen noch die Preisschilder hängen.

Was die Stadt der Zahlen braucht, ist vor allem Sauberkeit in den Köpfen

700 Millionen, erfährt man, hat das igelförmige Esplanade Theatre samt Konzerthalle gekostet, ein ähnlicher Betrag ist für den Ausbau der Shopping-Mall am Marina Square, vielleicht die größte der Welt, vorgesehen. Singapur ist die Stadt der Zahlen und des Geldes, und auch das andere Klischee stimmt: Es ist eine der saubersten Städte der Welt.

Ob man durch Chinatown, über die Wege des herrlichen Orchideengartens, durch die Straßen von Little India oder durch Kampong Glam geht, das noch immer an seine muslimische Vergangenheit erinnert, kaum ein Krümelchen liegt am Boden. Vielleicht wird auch deshalb der wenige verbliebene Dreck in Singapur deutlicher als anderswo. Das Einfuhrverbot für Kaugummi, das vor Kurzem aufgehoben wurde, war stets das geringste Problem der Stadtverwaltung. Was die Stadt der Zahlen braucht, ist vor allem Sauberkeit in den Köpfen. Seit Stamford Raffles, ein begabter Angestellter der East Indian Company, zu Beginn des 19. Jahrhunderts den geopolitischen Wert der Insel an der Südspitze der malaiischen Halbinsel erkannte und aus einem sumpfigen Fischerdorf eine Handelsmetropole machte, herrscht hier eine eigenartige Mischung aus britischer und asiatischer Disziplin.

Man arbeitet und schweigt, das Strafrecht sieht nach wie vor die Verabreichung von Stockschlägen vor.

Sauberkeit gilt auch für die Medien: CNN etwa ist für die 4,3 Millionen Einwohner nur mit fünf Sekunden Verzögerung zu empfangen, eine unmerkliche Zeitverschiebung, die niemanden stört, die aber für den Zensor ausreicht, um nötigenfalls die Störtaste zu drücken.

Den Touristen wird hochoffiziell von missbilligenden Äußerungen abgeraten, und der Besitz von 200 Gramm Haschisch reicht zu einer Verurteilung wegen Drogenhandels. Die Strafen sind drakonisch. Pro Jahr werden mehrere Dutzend Todesurteile vollstreckt. Weder der 52-jährige Premierminister Lee Hsien Loong, der als ältester Sohn von Staatsgründer Lee Kuan Yew im August die Macht im Inselstaat übernahm, noch die Führer der kleinen Oppositionsparteien zweifeln an ihrer Sinnhaftigkeit.

Man stimmt überein, dass sich die Frage der politischen Freiheit an ihrer Zweckmäßigkeit bemisst. Aber so einfach ist die Aufrechterhaltung der Ordnung von Sauberkeit und Disziplin nicht mehr. Vor allem die Jugend will sich nicht mehr ganz ohne Widerstand in die Geldmaschinen der Väter einspeisen lassen und sorgt für Dissonanzen.

Mallee ist 23, auf die Frage nach ihrer Nationalität antwortet sie "Singapore-Indian". Neben den Chinesen (77 Prozent) und Malaien (14 Prozent) bilden die Inder die größte Volksgruppe der Insel, doch die ethnische und religiöse Ordnung, die im Durcheinander der Geldwirtschaft für kulturelle Stabilität sorgt, wird zunehmend brüchig. Die Stadt ist langweilig für Malee wie das jährliche Lichterfest, sie will fort. Singapur ist erstens Einkaufen und zweitens Essengehen, das reicht für Touristen, aber nicht für sie.

Auch Rosalind aus Davon will fort, aber aus anderen Gründen. Rosalind ist Geschäftsfrau, nicht mehr ganz so jung, seit fünf Jahren lebt und arbeitet sie in Singapur. Sie vermisst, erzählt sie nach ein paar Drinks im Hyatt, den "buzz" von Hongkong. Irgendwo sei die Luft raus, die meisten ziehen sich nach der Arbeit erschöpft an den Fernseher zurück, statt wie früher die Nächte durchzumachen und am nächsten Tag wieder 14 Stunden zu arbeiten. Mit "früher" meint sie die 90er-Jahre.

Einer von denen, die Rosalind heute vermisst, ist Nick Leeson. Jeder scheint hier den Spekulanten aus Watford gekannt zu haben, der mit Währungs- und Derivatgeschäften 1,3 Mrd. Euro an der Börse von Singapur verzockt und in kaum drei Jahren die Barings-Bank ruiniert hat. 1995 wurde der damals erst 27-jährige Top-Trader nach abenteuerlicher Flucht in Frankfurt festgenommen.

Seine Biografie, die er im Gefängnis diktierte, wurde ein Bestseller, die Barings-Bank um den Preis von einem Pfund verkauft. Die Geschichte kann man in Singapur wieder und wieder hören, an der Long Bar im Raffles Hotel wie im Insomnia, einem der angesagtesten Nachtklubs der Stadt. Sie passt so gut zu Singapur wie das strikte Maß der Container am Hafen oder das neue Wohnprojekt SoHo, das derzeit im Zentrum entsteht und auf das mich Rosalind begeistert aufmerksam macht.

Neues Wohnprojekt SoHo

SoHo meint Small Office Home, das Konzept heißt Schlafen und Arbeiten in einem Raum. Es verspricht ein Leben in einer Art Wohncontainer mit Blick auf den Singapore River. Die Einzimmerwohnungen können mit ein paar Handgriffen zu Büros umgestaltet werden, bestens geeignet für den so genannten Professional Lifestyle.

Die Idee verweist weniger auf Le Corbusiers Marseiller Wohnmaschine, sie hat in Singapur selbst Tradition. In Chinatown lebten die Einwandererfamilien in einem Raum direkt über den Werkstätten, ein Fenster pro Familie, hieß das Wohnkonzept damals. Erst 1980 wurden die Elendsquartiere geschlossen.

Das Promotionvideo von SoHo zeigt junge, erfolgreiche Menschen, wie sie Einkaufstüten in ihrem Container abstellen und sich dann am hauseigenen Pool, im Pub oder beim gemeinsamen Workout im Gym amüsieren. Die Wirklichkeit dürfte ein bisschen anders aussehen. Einziehen werden hier wohl Menschen wie Herr Aloysius Wee, jene durchschnittlich 50-jährigen, etwas übergewichtigen männlichen Singles, für die das Chinesische die schöne Bezeichnung "dürre Äste" erfunden hat.

So elegant und fröhlich SoHo auch daherkommt, es ist nicht mehr ganz so frisch und wirkt wie Singapur selbst: ein detailgetreues zeitgeschichtliches Museum der 90er-Jahre. Nick Leeson wäre im Übrigen sein idealer Kurator. Kurz bevor er untertauchte, um sich seiner Verhaftung zu entziehen, hat er in seinem Büro eine kurze Nachricht hinterlassen, eine Notiz mit zwei Worten: "Sorry Nick." Das wäre doch etwas für das Museum! Für die Empfangshalle, unter blank geputztem schusssicherem Glas. (DER STANDARD, rondo/10/12/2004)

Info:

de.visitsingapore.com
Swiss Interantional Air Lines fliegt 6-mal pro Woche von Zürich via Bangkok nach Singapur.
Anschluss- verbindungen ex Wien, Graz, Linz und Salzburg
Allgemeine Reservierung: Telefon: 0810 810 840, Telefax 0810 810 845 oder www.swiss.com
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Riesige Shopping Malls und winzige Wohnungen zeichnen den Alltag der Millionenstadt aus.

Share if you care.