Montagsgespräch: Schluss mit Multikulti?

11. Dezember 2004, 17:18
13 Postings

Ist Multikulturalismus falsch verstandene Toleranz in einem liberalen Europa? Aber um es zu erhalten, brauchen wir Zuwanderer - Die Expertenmeinungen prallten aufeinander

Jetzt ist aber "Schluss mit Multikulti!" Für die einen ist das Konzept der Koexistenz verschiedener Kulturen und Religionen in einem Land endgültig gescheitert, für die anderen hat es eh nie funktioniert. Vor ein paar Wochen kippte die Debatte ins Schwarz-Weiße, als der niederländische Regisseur Theo van Gogh auf offener Straße ermordet worden war. Noch immer tobt der Streit über Migration und vielleicht damit importierte Probleme. DER STANDARD lud unter der Leitung von Chefredakteur Gerfried Sperl Expertinnen und Experten in das Wiener "Haus der Musik", um mit Multikulti Schluss zumachen - oder es neu zu beleben.

Schon bei der Frage, ob wir in Europa Zuwanderung brauchen und unter welchen Bedingungen sie stattfinden soll, offenbarte sich ein Dilemma: "Die Lösung eines Problems wird als das Problem gesehen", meint Rainer Münz, Demografieexperte in Hamburg. Man brauche Zuwanderung, um auf lange Sicht unsere europäische Gesellschaft - mangels eigenem Nachwuchs - erhalten und finanzieren zu können. Von der Bevölkerung werden Zuwanderer aber als Problem wahrgenommen. Europa muss sich entscheiden: "Wollen wir schrumpfen? Oder wollen wir mehr Heterogenität in unseren Reihen?"

Harte Wahrheit

Nein, sagt Paul Scheffer, niederländischer Autor und Soziologe, "Studien belegen, dass es ein Legitimationsproblem gibt mit der Zuwanderung. Sie hat wirtschaftlich nichts gebracht." Aber viel gekostet. Stimmt, Teile des Arbeitsmarktes bräuchten Zuwanderer, aber damit sei ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel verbunden.

Paul Scheffer nennt Dinge beim Namen, die das "Gutmenschentum" nicht benennt: "Es gibt eine Krise im Islam, die durch Migration zu uns gekommen ist. Sie ist jetzt in unseren Straßen. Das haben wir lange Zeit nicht wahrgenommen". Er räumt auf mit "falsch verstandener Toleranz und Multikulturalismus". Man habe totgeschwiegen, dass auf der anderen Seite - unter islamistischen Hasspredigern - Intoleranz herrsche.

Es gebe für Muslime bis dato keine Antwort auf die Frage, ob man als solche dauerhaft leben kann in einer säkularen Gesellschaft. Aber man nehme die Gesellschaft in Anspruch und habe gleichzeitig kein Gefühl der Verpflichtung.

"Die Multikulti-Seligkeit ist eine Zeitbombe." Die Politik würde Probleme damit verschweigen und die Flucht in die "Ethnofolklore" antreten. Alma Hadzibeganovic, geboren in Bosnien-Herzegowina und mit einem Literaturpreis für "Schreiben zwischen den Kulturen" ausgezeichnet, bemerkt eine steigende Aggressivität im täglichen Umgang miteinander. "Das eskalierte im Mord an Theo van Gogh."

Eine so extrem provokative Figur wie den Regisseur wäre in Österreich unmöglich. Eine radikale Bedrohung, wie sie nun in den Niederlanden, in Spanien, in den USA oder anderswo durch Terroranschläge manifest wurde, in Österreich derzeit unwahrscheinlich, meint Maria Vassilakou, Parteichefin der Wiener Grünen. Eine Ansicht vor der Paul Scheffer warnt: Man könne sich nicht neutral verhalten und außerhalb der Realität stehen. Das habe man in den Niederlanden auch geglaubt.

Romantische Träume

Vassilakou: "Migration findet sowieso statt", ob mit oder ohne Restriktionen. "Multikulti ist ein Phänomen unserer Großstädte. Was wir brauchen ist eine ernsthafte Debatte" - abseits dramatischer Ereignisse. Sie weist auf die Chancenungleichheit hin, die zwischen "Inländern" und "Ausländern" besteht. Letztere seien vielfach bei ihren Jobs auf die Branchen "Bau" und "Gastronomie" beschränkt. Ihre Qualifikation, die sie in Herkunftsländern erworben hätten, würden nicht anerkannt. Sie würden daher Zuwanderung als sozialen Abstieg und negativ erleben.

Vassilakou will die Sprachenvielfalt gefördert sehen, die sich durch Migranten biete. "Wenn wir wollten, könnten alle Kinder in Österreich drei, vier Sprachen in der Schule fließend sprechen." Wieder warnt Scheffer: vor falsch verstandenem Kosmopolitismus. Man müsse mit Nachdruck auf Integration setzen "und nicht nur über Diversität reden". Was man brauche sei eine Gemeinsamkeit. Die sei über ein gemeinsames Verständnis von Geschichte, Rechtskultur und über Sprache zu erreichen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2004)

Von Andrea Waldbrunner
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Er provozierte und wurde ermordet: Der Niederländer Theo van Gogh. Seither ist "Multikulti" umstrittener als zuvor.

Share if you care.