Klanggenie

16. Dezember 2004, 13:03
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Arturo Benedetti Michelangelis Interpretationen galten als Höhepunkte ästhetisch-klanglicher Schönheit

Rilkes berühmte Schönheitsdefinition aus der Ersten Duineser Elegie - "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen" - musste sich jedem ein wenig belesenen Konzertbesucher aufdrängen, der einem Klavierabend von Arturo Benedetti Michelangeli beiwohnte. Denn dieser viel bewunderte Künstler, dessen Interpretationen als Höhepunkte ästhetisch-klanglicher Schönheit galten, lächelte nie - höchstens wehmütig-erleichtert, wenn das überwältigte Publikum ihm Zugaben entlockte.

Vorher hatte er sich mit gramverzerrtem, schmerz-verdüstertem Gesicht zum Flügel geschleppt, um dort einen strengen, gnadenlosen Schönheitskult zu verrichten. Dieser Gequälte und Geniale machte es sich selbst schwer. Aber wahrlich auch seinen Bewunderern, die er, falls das Instrument noch einmal nachgestimmt werden musste, ein oder zwei Stunden auf den Beginn warten ließ.

Als vollendeter Techniker, hochintelligenter Analytiker verwandelte Michelangeli die Dynamik, Motorik, Melancholie und Tragik großer Musik in vollkommen reinen Klang! So hat er die letzte Mazurka Chopins, die der todkranke Komponist kaum mehr niederzuschreiben vermochte, nicht einfach als stilisierten Tanz interpretiert, sondern nur mehr wie eine wehmütige Erinnerung, wie ein Echo früherer Mazurken über ein schmerzvolles Leben hin.

Unendliche Schwebungen zwischen piano und pianissimo - alles das in herzbewegendem Kontrast zum todenbleich starren Rhythmus.

Spielte Michelangeli die Paganini-Variationen von Brahms, dann meisterte er deren heikle Glissando-Oktaven derart überlegen, dass professionelle Zuhörer ihren Ohren kaum trauten. Noch aufregender wirkte da die Spannung der inneren Entwicklung: die Variationen beginnen klirrend rasch, mit Freude an Paganini-nah virtuoser Pflichterfüllung. Doch fast unmerklich drängt sich Brahms'sches Verdämmern in den Vorgang, tiefgründiges Langsamerwerden, erstarrendes Träumen.

Michelangeli war ein Genie ästhetisch hochgetriebenen Geschmacks: Spezialist für die delikate Subtilität Debussys und Ravels. Was Michelangeli an aufblühender Nuance und spannungsvoller Vielfalt bietet, wenn er sich in Debussys Images versenkt (unvergleichlich die Reflets dans l'eau - Spiegelungen im Wasser), ist schlechthin verblüffend.

Und es gleicht einem übermütigen Wunder, wie er im Kopfsatz von Ravels Klavierkonzert Geistesgegenwart mit meditativer Erlesenheit mischt, im Adagio stille Chopin-nahe Lyrik mit unmerklicher Ironie, endlich im Presto-Finale rückhaltlose Effektfreude mit weltläufigem Witz. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2004)

Von
Joachim Kaiser

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    Arturo Benedetti Michelangeli

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