Als die ersten Skier in die Ecke flogen

11. Dezember 2004, 19:57
1 Posting

Mario Scheiber und der Weg nach oben - Erstes Abfahrtstraining in Val d'Isère gestrichen

Val d'Isère - Der Föhn blies. Regen weichte die Abfahrtspiste auf. Um sie zu retten, wurde das erste Training für die Abfahrt am Samstag gestrichen, weshalb das heutige Training das erste und gleichzeitig letzte ist, sollten Föhn und Regen sich nicht wieder quer legen beim Kriterium des ersten Schnees. Also liefen die Herrschaften zwecks körperlicher Ertüchtigung durch die Gegend oder sportelten im Turnsaal, malträtierten Ergometer, ruhten sich aus, schauten Videos. Am Abend erhielt Hermann Maier zum zweiten Mal den Skieur d'Or, die von Journalisten vergebene Auszeichnung für den eindrucksvollsten Skisportler der vergangenen Saison.

Mario Scheiber (21) spazierte durch den Ort und schaute sich die Schaufenster an, denn die kennt der Osttiroler aus St. Jakob im Defreggental genauso wenig wie die hiesige Abfahrt. "Oben bin ich noch nicht", antwortete er, als man ihn bat, von seinem Weg nach oben zu erzählen. Immerhin teilt er das Zimmer mit Abfahrtsweltmeister Michael Walchhofer, schmückt das ÖSV-Weltcupteam, blickt auf fünf diesbezügliche Einsätze zurück, belegte zuletzt im Super-G die Ränge sieben (Lake Louise) und drei (Beaver Creek).

Vor zwei Jahren demolierte er beim Abfahrtstraining sein linkes Knie: Schienbeinkopfbruch, Innenbandriss. "Das war aber erst meine erste Knieverletzung", meint Scheiber, als sei er überrascht, dass ihn das typischste aller Skifahrerleiden bisher nicht öfters ereilte. Scheibers Weg: Nach dem ersten Versuch mit zwei Brettln warf er ebendiese ins Eck und sagte dem Vater: "Ich fahr nie wieder Ski." Scheiber kickte, brachte es im Tennis zweimal zum Kärntner Schülermeister (aus geografischen Gründen spielen Osttiroler in Kärnten). Er sollte sich besinnen, jede Menge Schüler- und Junioren-Skirennen gewinnen, von den Eltern nach Stams geschickt werden.

Sagte der Deutschlehrer: "Das Wichtigste hier ist die Schule und nicht der Sport." Antwortete Scheiber: "Für mich ist hier der Sport das Wichtigste und nicht die Schule." Fehlende Abschlüsse in Deutsch, BWL und Projektarbeit verhinderten die ordnungsgemäße Finalisierung der Handelsschule.

Stefan Eberharter hat Scheiber immer getaugt, "erstens weil er ein Tiroler ist, zweitens weil er in Interviews so sympathisch rübergekommen ist". Ein anderer Tiroler, Pepi Strobl, hat in Val d'Isère die erste Weltcupabfahrt seines Lebens bestritten und auch gewonnen. Ein eingerissenes Kreuzband und ein eingeklemmter Meniskus verhinderten bisher das Debüt für Slowenien. Strobl will es nächste Woche in Gröden geben. Und Scheiber, der davon träumt, irgendwann in allen Disziplinen zu siegen, sagt: "Ich werde nie ein Star sein. Ich werde immer der Scheiber Mario bleiben. Ich bin aber dankbar, dass ich das Talent geschenkt bekommen habe."(DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 10. Dezember 2004)

Benno Zelsacher aus Val d'Isère
  • Mario Scheiber auf einem guten Weg.

    Mario Scheiber auf einem guten Weg.

Share if you care.