Die Nummer eins in Wien, überhaupt in der Ballsaison

7. März 2006, 00:06
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1966 hat Thomas Schäfer-Elmayer schon einmal ein Match besucht - Dabei interessiert den Tanzschulchef neben dem Opern- und Philharmoniker- auch der Fußball

Wien - "Ich hab eine Jahresnetzkarte." Und also nimmt Thomas Schäfer-Elmayer die U4 Richtung Hütteldorf. Er nimmt nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Frau - das ist schon ein lustiger Zufall, dass sie, die noch kein Stadion von innen gesehen hat, von Wacker-Chef Gerhard Stocker, den sie beim Forum Alpbach traf, just zum selben Match eingeladen wurde.

Schäfer-Elmayer war schon auf einem Match, am 24. April 1966 spielte Österreich im Prater gegen Russland, Russland siegte 1:0. Nicht dass der junge Mann daraufhin das Interesse verloren hätte, es wurde bloß die Zeit immer knapper, und eine Verletzung verhinderte sein Debüt im Hochschulverein - aufgeschoben war aufgehoben. "Später habe ich einmal bei einem Benefizspiel auf der Hohen Warte den Linienrichter gegeben. Der Buzek Hansl hat mir zugerufen, wann ich mit der Fahne aufzeigen sollte - dann hab ich eben aufgezeigt."

Im Gegensatz zu seiner Frau, die es sich in der Ehrenloge bequem macht, nimmt Schäfer-Elmayer, wie es die "Kick-Talk"-Etikette verlangt, unter den Anhängern Platz, aber eh nicht West-, son- dern Südtribüne, unterer Rang, sechste Reihe. Ob DER STANDARD-Sport auf etwas einladen darf? Er darf, Schäfer- Elmayer wählt eine kleine Schnitzelsemmel und ein großes Ottakringer. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn funktioniert der Zapfhahn nicht. Die Dame an der Ausschank herrscht einen Kollegen an: "Heast Oida, des muaß hinhaun, sunst hängma uns auf." Der Tanzschulchef verzieht keine Miene. Später kommen aus dem Westsektor eher ordinäre, die Gäste aus Tirol durchaus herabwürdigende Sprechchöre, Schäfer-Elmayer blickt nur auf die Werbebande und denkt sich laut: "Hier Werbung zu machen würde uns wahrscheinlich nicht viele neue Kunden bringen. Obwohl - wen der Virus erst einmal packt..."

Ballfreier Feiertag

50 Bälle hat die Tanzschule Elmayer in dieser Saison schon eröffnet, 25 davon hat der Chef persönlich besucht. Es gibt Abende, da stehen drei Bälle in seinem Terminkalender, einen eröffnet er, den zweiten sieht er sich an, beim dritten leitet er die Mitternachtsquadrille. So gesehen war der ballfreie Feiertag mit der letzten Runde ein Glücksfall, auch wenn Schäfer-Elmayer sich dieses Glücks bald nicht mehr ganz so sicher ist. Schließlich kann es, herrscht auch überall sonst auf der Welt Windstille, im Hanappi-Stadion immer noch ziehen. Und durch die Schuhsohle wandert der Frost in den Körper - da hilft der wärmste Mantel nicht. "Pelzschuhe", konstatiert Schäfer-Elmayer, "wären angebracht gewesen."

Immerhin sitzt er richtig, was die Höhepunkte des Spiels betrifft, denn an diesem Abend fallen alle vier Tore im nahen Osten. "Steht auf, wenn ihr Grüne seid", singen im Finish die Rapidler. Doch auch das will Schäfer-Elmayer so nicht zur Kenntnis nehmen - er tippt den Fan an, der sich in der Reihe davor erhoben hat. "Pardon, aber so kann ich ja nichts sehen." Nach dem Spiel singen die Anhänger das Lied von der "Nummer eins in Wien", damit fängt auch Schäfer-Elmayer etwas an. "Ein Erlebnis", sagt er, steht auf, schüttelt die Kälte aus den Beinen. Draußen trifft er seine Frau wieder, und gemeinsam macht man sich auf zur U4 Richtung Heiligenstadt. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 10. Dezember 2004, Fritz Neumann)

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