"Pisa prüft Pisa, nicht Bildung"

9. Dezember 2004, 18:23
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Experten fordern differenzierte Analysen der Schülerstudie

Wien – Das neue alte Zentralgestirn am Bildungshimmel heißt Finnland. Alle Pisa-Analysen drehen sich um die Erfolge der finnischen Schülerinnen und Schüler beim internationalen Vergleichstest. Allerdings sei allzu überschwängliches Lob für die finnischen Leistungen auch unangebracht, relativierte Mathematikdidaktiker Werner Peschek von der Universität Klagenfurt am Donnerstag im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien: "Die OECD-Ergebnisse insgesamt, auch in Finnland, sind sehr unbefriedigend. Zwischen Österreich, das auf Rang 15 liegt, und den Finnen an der ersten Stelle liegen nur 38 Punkte. Dafür gibt es zwischen den besten und den schlechtesten Gymnasien in Österreich 200 bis 250 Punkte Leistungsdifferenz." Generell sei es "statistisch unseriös, aus den Rangveränderungen Verschlechterungen abzulesen", sagte Peschek.

Günter Hanisch, Studienprogrammleiter für Mathematik an der Uni Wien, sieht das ähnlich: "Wir sind nicht schlechter geworden, die anderen sind nur besser geworden." Für ihn ist eines klar: "Wenn unsere Kinder besser in Mathematik werden sollen, dann müssen sie besser lesen können." Das erfordere auch geschulte Lehrer: "Derzeit gelingt es uns aber nicht, die Lehrerschaft in entsprechendem Ausmaß an unserer Wissenschaft heranzubringen", so Hanisch, der vor allem "in den Hauptschulen Riesennachholbedarf" sieht. Und er fordert zumindest ein "Nachdenken über die Gesamtschule".

Etwas, das auch AHS-Direktorin Christa Koenne, die Leiterin der Naturwissenschaftskommission für Pisa-Österreich, urgiert: Sie spricht sich für eine gemeinsame Schule der Sechs- bis Zwölfjährigen aus: "Es tut gut, wenn auch die starken Schüler noch dabei sind." Überhaupt sei zu überlegen, ob man die Schulpflicht nicht auf zehn Jahre ausdehnen sollte, um "dem Appendix neuntes Schuljahr auch ein klares Bildungsziel zu geben".

Auf die Frage "Was ist Bildung?" will Rudolf Taschner, Mathematikprofessor an der TU Wien und einer AHS, breiter gefächerte Antworten als im Pisa-Kompetenztest abgefragt werden: "Pisa prüft nicht Bildung. Pisa prüft Pisa. Also: Pisa, na ja. Aber machen wir Schule. Machen wir Bildung. Vermitteln wir den ästhetischen Reiz der Mathematik."

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 10.12.04)

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