Salzburg: Eltern züchtigten behinderten Sohn mit Stockschlägen

10. Dezember 2004, 20:01
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Mit kalten Duschen und einsperren wurde der über 30-Jährige gezüchtigt - Mutter spricht von: Notwehrreaktion

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Salzburg - Mit Schlägen und "Erziehungsmaßnahmen" wie Essensentzug, Einsperren im Keller, kalt duschen und Liegestützen soll im Flachgau von 2002 bis 2003 der über 30-jährige geistig Behinderte von seinem Stiefvater gezüchtigt worden sein.

Die Mutter des Opfers musste sich am Donnerstag, vor dem Salzburger Einzelrichter Hermann Weis rechtfertigen, das Quälen ihres Sohnes nicht verhindert zu haben. Die 59-jährige Frau hielt die Anschuldigungen für "großteils falsch und überzogen". Der Erstangeklagte, der Stiefvater, war nicht zur Verhandlung erschienen.

Präparierte Stöcke

20 Jahre lang wurde Wolfgang von der Lebenshilfe betreut. Von Juni 2002 bis zum Bekanntwerden der Misshandlungsvorwürfe im Herbst 2003 lebte er bei seiner Mutter und seinem Stiefvater im Flachgau. In den zwei Wohnungen und auch im Geschäft der Familie lagen laut Staatsanwalt Thomas Wegleiter "offensichtlich präparierte Stöcke - darunter ein abgeschnittener Besen - und ein Teppichklopfer" zur Züchtigung des Mannes bereit. Es sei zu Verletzungen am Oberkörper und an den Armen gekommen.

Notwehrreaktion

Der Erstbeschuldigte gab in seiner Einvernahme vor der Gendarmerie fünf bis sechs Fälle zu, in denen er den Stiefsohn geschlagen habe, erklärte Wegleiter. Die Mutter sprach heute von einem Vorfall. "Es war eine Notwehrreaktion. Wolfgang hat herausgefunden, dass er meinen Mann außer Gefecht setzt, wenn er ihm einen Tritt an das Schienbein versetzt". Das Bein sei offen gewesen, die Wunde bei einem Diabetiker schwer heilbar. Insgesamt vier Mal habe ihn der Sohn provoziert, beim fünften Mal "hat sich mein Mann mit dem Stock gewehrt".

Drohungen<>

Kalt geduscht habe sich ihr Sohn freiwillig, um sich nach einem Aggressionsausbruch "körperliche Erleichterung zu verschaffen". Von Essensentzug könne keine Rede sein. "Er hatte 100 Kilogramm Körpergewicht. Bei Autismus wirkt sich das auch auf das Verhalten aus. Ich wollte ihn auf ein normales Körpergewicht bringen." Und in den Keller hätten sie den Unmündigen auch gar nicht sperren können, "es gab keinen Schlüssel dazu". Dass er zur Strafe barfuß vier Kilometer gehen musste, wies die Beschuldigte ebenfalls zurück. Mit dem Stock habe sie ihm nur gedroht.

Motive für die Pflege

"Ich wollte ihm ein normales Leben ermöglichen", antwortete die 59-Jährige auf die Frage des Richters, warum sie sich die schwierige Betreuung des Sohnes überhaupt antun wollte. Dass etwa finanzielle Motive dahinter stünden, bestritt die zweifache Mutter. Sie habe sich auf Kongressen über Autismus erkundigt, auch ein Buch darüber gelesen und daraus Erziehungsmethoden gesetzt. "Es steht nicht fest, dass es sich bei ihrem Sohn überhaupt um Autismus handelt", gab der Richter zu denken. "Sie sind mit der immensen Belastung vielleicht nicht zu Recht gekommen." Mit dem Einsatz von Medikamenten hätte man das aggressive Verhalten vermutlich verhindern können, meinte der Staatsanwalt.

Freiheitsstrafe droht

Da insgesamt 15 Zeugen geladen waren und der Erstbeschuldigte dem Prozess fern blieb, wird die Verhandlung voraussichtlich vertagt. Der 54-jährige Stiefvater sei "schwer Schlaganfall gefährdet" und konsultierte am Vormittag einen Arzt, erklärte Verteidiger Franz Gerald Hitzenbichler. Dem Ehepaar droht eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.(APA)

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