Pressestimmen: Orange "aufgeteilt"

10. Dezember 2004, 08:59
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"Trouw": Ukraine erhält neuen Präsidenten und neues politisches System

Paris/Den Haag/Moskau/Rom/Warschau (APA/AFP/dpa) - Internationale Tageszeitungen beschäftigten sich am Donnerstag mit den Ereignissen in der Ukraine.

"Kommersant" (Moskau):

"Gestern hat der "Hüter der Orange", Viktor Juschtschenko, seine Wahl getroffen. Er hat beschlossen, sie mit den Herren (Sozialisten-Chef Alexander) Moros und (Präsident Leonid) Kutschma zu teilen. ... Nur für zwei scheint es nicht gereicht zu haben: für Viktor Janukowitsch und Julia Timoschenko. ... Für sie ist nur die Schale übrig geblieben."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"In der ukrainischen Krise ist die Blockade jetzt aufgelöst, und das Land tritt in den Wahlkampf für die Wiederholung der Stichwahl ein, die für den 26. Dezember geplant ist. Die Vereinbarung wurde von allen Beteiligten ausgehandelt und unterschrieben. Es handelt sich dabei um eine Enttäuschung für Ministerpräsident Viktor Janukowitsch, der vom amtierenden Präsidenten (Leonid) Kutschma abgesetzt wird. Aber auch der andere Viktor, der Führer der Opposition, Viktor Juschtschenko, ist nicht ganz zufrieden. Dieser hat, falls er zum Staatspräsidenten gewählt wird, lediglich zehn Monate "absoluter Herrschaft" vor sich, bevor er seine Macht mit dem Parlament teilen muss. ... Zufrieden über die Einigung sind die USA und Europa. Enttäuscht ist dagegen Moskau, das seine Karten ganz auf die Anerkennung der Wahl von Janukowitsch gesetzt hatte."

"Gazeta Wyborcza" (Warschau):

"Die Mühlen der Brüsseler Bürokratie mahlen langsam. Der Plan, den die EU der Ukraine vorschlägt, ist bereits nicht mehr aktuell, weil er die größeren Perspektiven der demokratischen Kräfte ... nicht berücksichtigt. Entweder, was wenig wahrscheinlich erscheint, kommt es in der Ukraine zu einer Umkehr von der orangen Revolution und dann sollte sich Europa Kiew nicht nähern. Oder es werden dort ein Präsident und eine Regierung gewählt, die sich mit Reformen beeilen und zum Westen zurückkehren, und dann sollte die EU der Ukraine eine direktere Zusammenarbeit vorschlagen."

"L'Indépendant du Midi" (südfranzösisches Perpignan):

"Ein Volk hat seine orange Revolution vollbracht. Europa und die USA applaudieren eher vorsichtig, obwohl sie mit dem Herzen dabei sind. Letztlich ist diese Vorsicht aber überflüssig: Putin hat trotzdem einen Wutanfall bekommen. Er, der noch vor Kurzem die Wiederwahl Bushs begrüßt hatte, meint nun, die Wahlen im Irak könnten nicht 'unter Umständen der totalen Besatzung' stattfinden. Und damit nicht genug, wirft er dem Westen vor, er sei dazu im Stande, mit einer 'kolonialen Maske' und 'Raketen und Bomben wie in Belgrad' in der Ukraine zu intervenieren. Der Wille des ukrainischen Volkes wiegt in den Augen des russischen Präsidenten offenkundig nicht sehr schwer. (...) Putin zeigt jetzt sein wahres Gesicht: das eines autoritären Herrschers. Jene die ihm von nun an in die Augen sehen, werden vielleicht merken, dass er es ist, der eine 'koloniale Maske' trägt - bevor sie ihn wieder für 'vertrauenswürdig' erklären."

"Trouw" (Den Haag):

"Die Ukraine erhält nicht nur einen neuen Präsidenten sondern auch ein neues politisches System. Im Hinblick auf den Zwiespalt, der sich im Land offenbart hat, wird es wohl große Mühe kosten, den Übergang reibungslos zu vollziehen. Dies ist zu erwarten, nicht nur weil Präsident Leonid Kutschma und seine Anhänger alles tun werden, um ihren Einfluss zu behalten und dazu mit ihrer Machtposition im gestärkten Parlament und mit den größeren Zuständigkeiten der Provinzen noch mehr Gelegenheit erhalten werden. Probleme können auch entstehen, weil die Arbeitsweise der heutigen Opposition noch unbekannt ist. Zu ihr gehören Politiker - wie etwa die knochenharte und des Betrugs verdächtige Julia Timoschenko - deren demokratische Prinzipien noch deutlich werden müssen. Der Machtkampf in der Ukraine endet denn auch nicht am 26. Dezember, dem Tag der zweiten Wahlrunde sondern wird noch lange danach geführt. Man kann nur hoffen, dass der Kampf wieder im Parlamentssaal geführt wird." (APA)

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