Haderlump und Nasentenor

15. Dezember 2004, 10:00
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Einer der letzten großen Countrymusiker veröffentlicht mit "It Always Will Be" ein kleines Meisterwerk: Willie Nelson

Schlägt man in der "Guinness Encyclopedia of Popular Music" Willie Nelson nach, findet man dort eine Discografie, die mehr Platz einnimmt als so manche umfassende Bandbiografie samt Gesamtwerk. Irgendwann nach 60 Alben - diverse "Best of" nicht mit eingerechnet - endet die Liste in den späten 80er-Jahren. Wenn man noch einmal zehn Alben dazurechnet, entspricht das ungefähr der Minimalschätzung. Wobei sein Arzt Nelson in dieser Zeit geraten haben muss, doch bitte nur noch ein Album pro Jahr in die Welt zu schicken und nicht wie über lange Zeit hinweg zwei, drei oder vier. Ein guter Rat. Immerhin wurde das Country-Urgestein aus Texas heuer 70 Jahre alt. Außerdem leidet bei so einem Output wie ihn Nelson in den 70ern hatte, als er mit Ziehern wie On The Road Again oder Georgia On My Mind Millionen Alben verkauft hat, natürlich schon auch die Qualität.

In den 90ern, in denen Nelson also zurücksteckte, entstand eine Hand voll wunderbarer Alben, die dem Spätwerk eines Johnny Cash in nichts nachstehen. Doch während Cashs "American Recordings" einen Künstler präsentierten, dessen Songs längst jenseits aller Genregrenzen ausgesucht und interpretiert wurden, ist Nelson immer mindestens mit einem Stiefel fix im Country gemeldet.

1996 veröffentlichte der passionierte Kiffer Spirit. Ein anrührendes Alterswerk über das Verlassen-Werden und das Nicht-loslassen-Können, das sich in einen Todescountry für nicht kaputt zu kriegende alte Mokassins entlud: Songtitel wie I'm Not Trying To Forget You Anymore oder Your Memory Won't Die In My Grave sprechen Bände. Dann erschien Storytellers. Eine CD, die die beiden Haderlumpen Nelson und Cash allein mit Gitarre beim Kaffeekränzchen präsentierte: ein Traum! Im selben Jahr erschien das von Daniel Lanois (U2, Bob Dylan . . .) genialisch produzierte Teatro. Dann fiel Nelson ab. Als jemand, der sein Alter nicht irgendwelchen konventionellen Verhaltensregeln unterwirft, trieb er sich verstärkt mit jungen Künstlern herum. Dass derlei Gesellschaft dann leider zu Duetten mit Typen wie Kid Rock führte, zeigt, dass mit dem Alter nicht zwingend die Weisheit kommt.

Mit dem nun erschienenen "It Always Will Be" verschränkt der verhatscht Nasentenor Singende elegant integres Spätwerk mit seinem Hang hin zur Jugend. Immerhin wirft er sich beim zart jazzelnden Dreams Come True Norah Jones in die Arme oder lässt sich bei Overtime von Lucinda Williams unterstützen. Das Songmaterial besteht überwiegend aus getragenen Balladen, angesiedelt zwischen unendlich würdevollen Liebesbezeugungen und der Lebensberatung eines Hallodris: "Hey woman, don't give your heart away to just anyone." Zurückhaltend instrumentiert interpretiert er neben eigenen Stücken auch ausgewählte Coverversionen wie Tom Waits' Picture in A Frame oder das herzgebrochene The Way You See Me aus der Feder von Jimmy Day. Ein Stück, das an die Intimität der Songsammlung Spirit heranreicht: Akkordeon, Slidegitarre und Nelson, der aus seiner rückenlangen Indianermatte ergreifend vorträgt. Dazwischen schiebt er Schmunzler wie das doch beträchtlich stampfende Big Booty ein: "She said, I ain't gonna fix you no more sausage. Biscuits and gravy on the side. You done said the wrong thing to me, baby. And you can kiss big booty goodbye." In Würde altern? Pfeif drauf!

Genau, Willie, bloß nicht erwachsen werden. Auch dafür kann, nein, muss man den Mann lieben. (RONDO/DER STANDARD, 10.12.2004)

Von
Karl Fluch

Willie Nelson: It Always Will Be (Universal)
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