Im Wohnzimmer der Altmeister

15. Dezember 2004, 10:00
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Aktivität im jazzigen Alpenland: neue CDs von Saxofonist Max Nagl, Gitarrist Wolfgang Muthspiel, Pianist Paul Urbanek und Hans Koller

"Wer dreißig Jahre das Gleiche spielt, der spielt um dreißig Jahre schlechter." Man muss es nicht so hart sehen wie Altmeister Hans Koller. Keiner arbeitet geschichtslos, also unabhängig von den stilistischen Erkenntnissen der Vergangenheit; und keiner, der einen Stil entwickelt hat, wird sich völlig von diesem lösen wollen. Was aber erwartet werden kann, ist die Suche nach eigenen Wegen im real existierenden Stil-Labyrinth. Und ab und an sollte es auch zu einer Infragestellung der Routine durch Selbstverunsicherung kommen, indem man sich einem ungewohnten Kontext aussetzt. Saxofonist Max Nagl, auch mit dem nach Koller benannten Jazzpreis ausgezeichnet, ist in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen. Da gab es die Band "Go 4 It" (jazzrockig), die Formation "Manhattan Love Suicide" (zwischen Free Jazz und Hardcore) oder das Projekt Maxixe (Third-Stream-orientiert). Bei "Mélange à trois" gab es dann in scheinbar unschuldiger Manier volksmusikalische Erinnerungsstücke.

Im Trio mit Akkordeonist Otto Lechner und Bassist Bradley Jones hat er nun im Gedenken an den irrwitzigen Bassisten/Komponisten Charles Mingus "Flamingos" (hatology) eingespielt und bewiesen, dass Eindringliches nicht unbedingt etwas ganz Neues sein muss: beschwingte und unbeschwerte Trialoge mit dem Gefühl für Arrangementpointen der heiteren Art. Alles eklektisch, nostalgisch, aber durch Einfälle legitimiert. Die fehlen ein bisschen bei Gitarrist Wolfgang Muthspiel. Mit "Solo" (Edel) hat er sich in Bereiche des Lieblich-Idyllischen begeben und eine Menge belangloser Meditationen über die gitarristischen Möglichkeiten der Einsamkeit absolviert. Er schlägt sich hier unter seinem Wert. Nur bei der Schlussnummer ("finally") erreicht er Tiefe des Ausdrucks.

Zurück zu Hans Koller. Von ihm ist nun "Free Sound Jeanerett" (Universal) aus 1978 erstmals erschienen. Es erinnert an einen druckvollen Saxofonisten der kühlen Emphase in epischem Ambiente. Und auf "Stream 5" versammelt Pianist Paul Urbanek fünf Saxofonkönner zwecks Koller-Hommage. Die Poesie der Bläsersätze duelliert sich oder verschmilzt mit einem wachen, sich auch zu eleganter Zugänglichkeit aufschwingenden Klavier. Das Ganze ist atmosphärisch stark, strukturell interessant und profitiert von den profunden Einzelleistungen im solistischen Egobereich. (RONDO/DER STANDARD, 10.12.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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