Altherrensex

16. Dezember 2004, 19:13
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Die Alten müssen alle weg, jedenfalls am Theater, meint M. In der dunklen Jahreszeit herrscht ja Kulturzwang, und wie überall bei großen Zwängen sinnt die gequälte Kreatur alsbald auf Rache. Denn leider ist nicht alles so sexy wie die Lubitsch-Retrospektive im Filmmuseum. Lubitsch ist nicht alt geworden. Nachmittags hatte mir M die Rubens-Ausstellung erleuchtet. Wussten Sie, wie viel Glamour eine hochgeweißte, im hellen Licht badende Cellulite ausstrahlen kann? Grad bei Leda mit dem Schwan, wo sie doch mit einem quasi Persil-weißen Liebhaber konkurrieren muss. Die Rubens-Damen haben es nicht so mit der Kontrolle, eher mit unangepasster Sinnlichkeit. Da hört man natürlich gerne, dass Rubens nicht alt geworden ist. Rechtzeitig den Pinsel abgegeben, um das zu vermeiden, was einem heutzutage im Theater und im Fernsehen den Appetit verdirbt, ja, meine lieben Gehässigen unter den Lesern, ich rede von Altherrensex.

Ich selber wäre nie auf den Gedanken gekommen, diesen Hang zur Ausdruckslosigkeit so zu nennen - meine männlichen Freunde, allesamt ältere Herren, nennen das so. Altherrensex scheint sich in Kontrollsucht zu äußern: Die Schwäne von heute, genannt the swans, sollen jeden Muskel kontrollieren, sich jeden Knochen brechen, wenn er außerhalb der Kontrollzone gewachsen ist, ihren Haarwuchs kontrollieren und ihre Zahnstellung, die sie umgebenden Bakterien genauso unter Kontrolle halten wie ihre Hormonwerte und die Eisenteile im Blut. Sie schlüpfen niemals in die Aida, täglich trainieren sie hart, um mit viel Mangel an Hingabe unsereins aus dem Theater zu grämen. Hätte man den Abend doch lieber in einer Cremeschnitte verbracht!

Es begann mit einem norddeutschen Gastspiel, wo die Rolle der Nora von einer Beauty gespielt wurde, deren Leistung darin bestand, kontrolliert Röcke zu tragen. Puh, dachte ich, der Flimm ist doch schon so lange vom Thalia Theater weg, der kann doch nicht noch jetzt die Besetzungszettel kontrollieren! Im Sommer war er schon im Bayreuther Ring gefloppt, weil er unkontrolliert austrainierte Blondinen auf der Bühne herumstaksen ließ. Sinnlos natürlich, denn die alten Herren, die da in Begleitung ihre Damen im Publikum saßen, schliefen schon längst, und alle anderen fanden es grauenhaft. Letzte Woche - in "Katze auf dem heißen Blechdach" - versucht eine kontrolliert austrainierte Schauspielerin farblos, mir die Elisabeth Taylor aus der Netzhaut zu jagen, vergebens. Elli, ich verbeuge mich vor deinen hingegossenen runden Hüften da auf dem heißen Blechdach. Ich weiß natürlich genau, dass es nichts mit deiner Cellulite zu tun hatte, dass du spielen konntest wie der dreifaltige Teufel, aber wir haben jetzt andere Sorgen, wie kriegen wir diese Kontroll-Freaks, diese alten Herren da weg, auch wenn sie sich unter dem Pseudonym Andrea Breth verschanzen.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/10/12/2004)

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