Blutegel per Mausklick

16. Dezember 2004, 13:10
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Über das Internet lassen sich mit ein paar Klicks nicht nur Bücher, sondern auch Hirudo medicinalis, bekannt als Blutegel, ordern.

Zugegeben, hört man zum ersten Mal von einer Blutegelplattform im Web, erzeugt das eine gewisse Heiterkeit. Lernt man den Spiritus Rector der Idee kennen, weicht das Lächeln dem Staunen.

"Das Thema hat sich festgesaugt"

Wie so oft stand auch bei Gernot Erber vom Europäischen Blutegelversand der Zufall am Beginn seines mittlerweile florierenden Geschäfts. Und zwar in Form einer ORF-Sendung über den Einsatz des Hirudo medicinalis alias Blutegel in der Medizin. "Das Thema hat sich in meinem Hirn festgesaugt und nicht mehr losgelassen", erzählt der 44-jährige ehemalige Telekomexperte, der zum STANDARD-Gespräch auch gleich ein (hungriges, doch zum Glück im Plastikbehälter eingesperrtes) Anschauungsexemplar mitbrachte.

Vertrieb über das Internet

Via Internet sammelte er alles Wissenswertes über die zu Unrecht von vielen als "eklig" bezeichneten Verwandten des Regenwurms, bis die Geschäftsidee ausgegoren war: mit minimalem Aufwand die kleinen medizinischen Helferlein europaweit dorthin zu bringen, wo ihr Wert aus jahrhundertealter Erfahrung geschätzt wird und sie in den vergangenen Jahren wieder häufiger eingesetzt werden: in Krankenhäuser, zu Ärzten, Tierärzten, Heilpraktikern.

Drei Mann stark ist das seit wenigen Jahren existierende Erbersche Blutegelteam, tagtäglich verschicken sie ein paar Hundert bis Tausend Hirudos. "Oft muss es dabei sehr schnell gehen", betont Erber, "da die Tiere auch in Notfällen eingesetzt werden" - und ist mittendrin in einem spannenden Vortrag über die Einsatzvielfalt des Blutegels. So wird etwa in der reimplantativen Chirurgie der medizinische Blutegel beim Wiederannähen von abgetrennten Fingern oder Ohren verwendet, um einen venösen Blutrückstau nach einer erfolgten Operation aufzulösen.

Lieferung innerhalb von 24 Stunden

Kaum ist der Auftrag via Internet eingegangen - mittlerweile gibt es in fast allen europäischen Ländern eine eigene Blutegel-Domain -, werden die Blutegel in wassergetränkte Leinensäckchen in speziellen Styroporboxen verpackt und per Express binnen 24 Stunden zum Bestimmungsort versandt. Kostenpunkt: pro Stück knapp zwei Euro zuzüglich Verpackung und Versand. Die Tiere bezieht Erber aus Naturschutzreservaten oder Zuchtanstalten, um die 10.000 Stück hat er in zahlreichen Behältnissen stets vorrätig.

"Am Anfang haben mich alle ein wenig belächelt, aber jetzt schauen s' alle plötzlich", lächelt der steirische Pfiffikus, der außerdem mit "Vanity Numbers" Geschäfte macht. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.(Karin Tzschentke/DER STANDARD, Printausgabe vom 9.12.2004)

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