Grüne Pisa-Rechnung für Gehrer

9. Dezember 2004, 18:19
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Österreich gibt viel weniger für seine Schulen aus als offiziell behauptet, sagen die Grünen - Würden Elisabeth Gehrers Zahlen stimmen, müsste das Budget 10 statt 5,5 Milliarden Euro betragen - Mit Infografik

Wien - Nicht nur Österreichs Schüler haben Probleme mit dem Rechnen. Auch in Elisabeth Gehrers Ministerium ist man nach Ansicht der Grünen mit den Grundrechnungsarten nicht sehr vertraut. "Laut Gehrer gibt Österreich im Volksschulbereich jährlich 7046 Euro pro Kopf und im Sekundarschulbereich 9181 Euro pro Kopf aus", rechnet Bildungssprecher Dieter Brosz dem STANDARD vor.

"Multipliziert man diese Pro-Kopf-Kosten mit der Schülerzahl, kommt man auf 10,3 Milliarden Euro", so Brosz weiter. Gerechnet hat Brosz mit der Schülerzahl, die das Bildungsministerium für 2001/02 erhoben hat und mit der auch Gehrer argumentiert: 387.408 Volksschüler und 821.719 aus dem Sekundarbereich, also insgesamt rund 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler. Berücksichtigt in der Rechnung sind auch die Kaufkraftunterschiede in der OECD.

Brosz zur Diskrepanz: "Das ist jenseits von gut und böse, das kann so nicht stimmen. Im Bundesbudget sind 5,5 Milliarden Euro veranschlagt, da ist aber schon alles eingerechnet - das Personal des Ministeriums und alle anderen Ausgaben. Rechnet man großzügig eine Milliarde Euro an Privatausgaben dazu, kommt man auf 6,5 Milliarden Euro, aber nie und nimmer auf zehn Milliarden."

Brosz glaubt nicht an eine tiefere Absicht hinter der Darstellung Gehrers, sondern schlicht an "Schlamperei" und schließt daraus: "Was in Österreich über die überdurchschnittlichen Ausgaben im Schulbereich erzählt wird, stimmt schlicht und einfach nicht. Das geht auch aus dem Vergleich der Bildungsgesamtkosten hervor, den die OECD vorlegt: Da liegen wir im OECD-Schnitt. Wie soll dass zusammenpassen, dass wir bei den Pro-Kopf-Ausgaben an zweiter Stelle sind, und zwar mit einem Abstand von rund 25 bis 30 Prozent zum Durchschnitt, bei den Gesamtausgaben aber genau in diesem Durchschnitt liegen?"

Dringliche Anfrage

Grünen-Bundessprecher Alexander Van der Bellen sieht "massiven Aufklärungsbedarf" und kündigte eine dringliche Anfrage an Gehrer an. Die Argumentation Gehrers, wonach Österreich bei hohen Investitionen in den Bildungsbereich durchschnittliche Leistungen generiere, sei hinfällig: "Das heißt aber auch, dass schon die vorherige Pisa-Studie auf falschen Zahlen basierte." Das wieder sei "bei der Politik, die Gehrer und Finanzminister Karl-Heinz Grasser mit ihren Zahlenspielen treiben, nicht verwunderlich". Entlastet sieht Van der Bellen die Lehrer: "Sie sind es offenkundig nicht, die für teures Geld wenig Bildung produzieren."

Gehrer-Sprecher Ronald Zecher meinte auf Anfrage des STANDARD, er könne die Rechnung der Grünen nicht nachvollziehen: "Wenn es da eine Diskrepanz gibt, muss man sich das anschauen." Grundsätzlich seien aber die Gesamtausgaben für alle Bildungsbereiche transparent dargestellt und kommuniziert worden. Unabhängig davon hat Bildungsministerin Gehrer selbst dafür plädiert, die Finanzmittel für den Schulbereich besser einzusetzen - "anscheinend" sei das bisher nicht der Fall gewesen.

Die SPÖ will das Geld künftig auf die Gesamtschule konzentriert sehen. Bildungssprecher Erwin Niederwieser hält das derzeitige System für ineffizient: "Wir haben die Nachteile des differenzierten Schulsystems bisher durch viel Geld abgemildert." Er tritt für eine gemeinsame Schule bis zum 15 Lebensjahr ein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. Dezember 2004)

Von Samo Kobenter
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