Judith Draxler: Ende ohne Sentimentalität

20. Dezember 2004, 13:21
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Die Steirerin beendet in Wien ihre unvergleichliche Karriere. Vor ihrer 32. und letzten Großveranstaltung lebt die Hoffung auf die erste Medaille

Wien - Als Judith Draxler am 15. August 1989 erstmals in der Ergebnisliste eines Schwimm-Großereignisses Aufnahme gefunden hat, waren die beiden jetzigen Schwimm-Hoffnungen Marilies Demal und Julia Lewandowski noch gar nicht geboren. Bei der Wiener Kurzbahn-EM in der Wiener Stadthalle sind die beiden heute 15-jährigen Mädchen erstmals bei einem Großereignis dabei, Draxler das letzte Mal. Nichts verdeutlicht die unglaubliche Konstanz der Feldbacherin besser, die mit ihren 34-Jahren bei der EM wie schon bei Olympia die älteste Teilnehmerin ist.

Weltklasse trotz schlechter Bedingungen

Seit den Europameisterschaften 1989 in Bonn hat die 68-fache Staatsmeisterin mehr als eine österreichische Schwimm-Generationen erlebt. Bedenkt man die oft unzureichenden Trainingsbedingungen der Magistra in Psychologie, ist ihre Konstanz auf Weltklasse-Niveau noch mehr zu bewundern. Die Kurzbahn-WM-Fünfte 2002 hat in ihrem Heimatort nur eine 25-m-Bahn zur Verfügung, an ihrem Studienort Graz ist es nicht besser. Fünf nationale Rekorde hält sie derzeit, die meisten von ihnen wohl noch länger.

Nicht nur für Judith bedeuten die Wien-Titelkämpfe Abschied, sondern auch für ihren Bruder Alfons. Der Tischler übernahm vor rund acht Jahren die sportliche Betreuung seiner Schwester, nachdem der bis dahin als Coach fungierende Gerd Schauschütz nicht mehr die Zeit für das Training aufbringen konnte. Der Bruder eignete sich all sein Wissen aus Fachliteratur an, fortan ging es in den Ergebnislisten aufwärts. Fast seinen gesamten Urlaub opferte der Idealist für den Schwimmsport, zahlte nicht wenig aus der eigenen Tasche.

"Ich nehm's wie immer"

Draxler ist unbestritten die Grande Dame des österreichischen Schwimmsports. Mit 32 Teilnahmen an Großereignissen (Olympia, WM, EM, Europacup, Universiade) hält sie einen in Österreich einmaligen Rekord. Sentimentalität verspürt die Steirerin aber nicht: "Ich nehm's diesmal so wie immer, mache daraus nichts Besonderes." Am Mittwoch Vormittag absolvierte sie die letzte Trainingseinheit ihrer Laufbahn in Feldbach, dann ging es nach Wien. Mit der leisen Hoffnung, dass es zum Abschluss doch noch zu einer Medaille reicht.

Falls nicht, wird die dreifache Olympia-Teilnehmerin nicht viele Gedanken daran verschwenden. Denn ihr Leben danach ist organisiert, seit ihrer Sponsion 1997 gibt sie sportpsychologische Beratungen, hält Seminare in Stress-Management und Motivationstraining. Das unter dem Namen "Erfolgswelle" in Selbstständigkeit aufgebaute Angebot wird auch nach dem Karriere-Ende und der für Sonntag geplanten feierlichen Verabschiedung durch den OSV wie gewohnt weiter laufen. "Nur intensiver wird's, ich hab' ja dann mehr Zeit dafür." (APA/red)


Judith DRAXLER
Geb.: 24.3.1970 in Feldbach
Wohnort: Feldbach
Größe/Gewicht: 1,80 m/72 kg
Beruf: Magistra Psychologie (derzeit Doktoratsstudium)
Verein: TUS Feldbach
Trainer: Alfons Draxler
Hobbys: Musik, Sport, Reisen

Größte Erfolge: Langbahn: EM-6. 50 m Kraul 2000 und 50 m Delfin 2002, EM-7. 50 m Delfin 2000 und 50 m Kraul 2002, EM-8. 1991, 1993 und 1995, WM-15. 2001, Olympia-19. 2004 (jeweils 50 m Kraul) Kurzbahn: WM-5. 2002, EM-5. 2000 und 2001, EM-6. 1999 und 2003, EM-7. 2002 (jeweils 50 m Kraul), EM-5. 50 m Delfin 2002, WM-8. 50 m Delfin 2004 68-fache Staatsmeisterin, drei Olympia-Teilnahmen Aktuell fünffache österreichische Rekordhalterin: 50, 100 m Kraul und 50 m Delfin Langbahn; 50, 100 m Kraul Kurzbahn Starts bei 32 Großveranstaltungen (Olympia, WM, EM, Europacup, Universiade)

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    Judith Draxler wird nach dem Ende ihrer Schwimmkarriere bestimmt nicht in ein Loch fallen, sie hat genug anderes zu tun.

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