Das Ende eines Giganten

21. Dezember 2004, 11:55
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Chinesischer Computerkonzern übernimmt PC-Geschäft von IBM - Lenovo wird damit drittgrößter PC-Hersteller der Welt

Der US-Computerkonzern IBM verkauft seine PC-Sparte für 1,25 Milliarden. Dollar (929 Millionen Euro) an den chinesischen Computerhersteller Lenovo. Wie Lenovo-Chef Liu Chuanzhi erklärte, wird IBM einen Minderheitsanteil von 18,9 Prozent am Geschäft mit Personal-Computern halten. Der chinesische Technologiekonzern, der bisher kaum außerhalb des Heimatmarktes China tätig ist, wird mit diesem Schritt zum drittgrößten PC-Hersteller der Welt.

Schulden

Lenovo übernimmt auch Schulden von IBM, so dass die Vereinbarung den Angaben zufolge insgesamt einen Umfang von 1,75 Mrd. Dollar hat. Hauptsitz des Lenovo-PC-Geschäfts wird künftig New York sein. Lenovo darf fünf Jahre lang den Markennamen IBM nutzen und erhält auch die Rechte an der "Think"-Marke, die etwa die Notebooks schmückt. Der Umsatz werde auf jährlich über zehn Mrd. Dollar steigen.

Nummer drei

Nach Marktanteilen steht IBM im PC-Geschäft mit weltweit 5,6 Prozent bisher an dritter Stelle hinter Marktführer Dell mit 17 Prozent und Hewlett-Packard mit 15 Prozent. Mit zwei Prozent Marktanteil war Lenovo bisher die Nummer acht.

Die Beschäftigten

Für die Beschäftigten solle die Übernahme ohne größere Auswirkungen bleiben, hieß es. In der PC-Sparte beschäftigt IBM weltweit rund 10.000 Mitarbeiter, davon weniger als ein Viertel in den USA. In China bauen bereits mehr als 4.000 Beschäftigte für IBM Personal-Computer zusammen.

Ausgliederung

IBM hatte 1981 die ersten PC für Unternehmen und Privatkunden auf den Markt gebracht. Zuletzt spezialisierte sich der US-Konzern aber auf große Firmenserver und Unternehmenslösungen. Die Ausgliederung passt in die Strategie des seit 2002 amtierenden IBM-Chefs Samuel Palmisano, der die Computergruppe auf die rentabelsten Geschäftsbereiche konzentrieren will.

Vorsitz

Vorsitzender des neuen Unternehmens wird Yan Yuanqing, während Stephen Ward von IBM Geschäftsführer wird. Der bisherige Vorsitzende von Lenovo, Liu Chuanzhi, zieht sich zurück. Lenovo, das unter dem Namen Legend (Lianxiang) groß geworden ist, ist Marktführer in Asien und hält in China einen Marktanteil von 27 Prozent. Der Handel mit seinen Aktien an der Hongkonger Börse war am Vortag auf Wunsch des Unternehmens ausgesetzt worden, was mit einer bevorstehenden Ankündigung begründet wurde.

Allianz

Auf dem Papier eröffne das Geschäft beiden Unternehmen einen Weg zu den angestrebten Zielen, äußerte sich Gartner-Analyst Martin Gilliland ähnlich wie andere Experten. "Jetzt kommt es auf die Umsetzung an." Er ergänzte: "IBM kommt dabei ziemlich gut weg, weil das Ziel war, aus dem PC-Geschäft auszusteigen, da damit kein Geld verdient wird. Nun muss Lenovo es zum Erfolg führen." Gleichzeitig vereinbarten IBM und Lenovo eine breite Allianz. IBM wird PC von Lenovo beziehen. Die IBM-Sparte Global Services wird im Gegenzug zum bevorzugten technischen Dienstleister für Lenovo und soll auch weiterhin Kundenfinanzierungen anbieten.

Lenovo wird nach Daten von Gartner, der Analysen für die IT-Branche anbietet, mit seinem bisherigen Marktanteil von 2,2 Prozent und dem IBM-Anteil von 5,5 Prozent um fünf Ränge zum drittgrößten PC-Anbieter weltweit. Das kombinierte PC-Geschäft hätte im vergangenen Jahr Umsätze von 12 Mrd. Dollar eingebracht. Weltmarktführer ist die US-Firma Dell mit einem Anteil von 16,7 Prozent, gefolgt von Hewlett-Packard mit 15 Prozent. Den dritten Rang nimmt zurzeit IBM ein.

13-monatigen Verhandlungen

Nach 13-monatigen Verhandlungen vereinbarten beide Unternehmen, dass Lenovo 650 Mio. Dollar in bar und 600 Mio. Dollar in Aktien bezahlt. Gleichzeitig sollen die Chinesen IBM-Schulden für 500 Mio. Dollar übernehmen. Lenovo wird die IBM-Produkte der Marke "Think" übernehmen sowie den IBM-Anteil aus einem Joint-Venture mit seinem Rivalen Great Wall Technology herauskaufen. Die rund 10.000 IBM-Mitarbeiter - 4.000 davon arbeiten schon jetzt in China - im PC-Segment sollen künftig für Lenovo arbeiten. Insgesamt wird das neue Unternehmen 19.000 Mitarbeiter zählen. Produziert wird in Peking und in Raleigh in North Carolina.

Kaufpreis

Der Kaufpreis sei etwas niedriger als er erwartet hätte, sagte Analyst Marty Shagrin von Victory Capital Management. "Aber sich einen Kopf um den Preis zu machen verachtet die Tatsache, dass IBM schon seit langer Zeit eher zu einem Dienstleister und Softwareunternehmen werden wollte."

Die Transaktion, die im zweiten Quartal 2005 abgeschlossen werden soll, werde IBM einen Vorsteuergewinn zwischen 900 Mio. und 1,2 Mrd. Dollar einbringen, prognostizierte IBM-Finanzchef Mark Loughridge. Damit könne das Unternehmen seine Bruttogewinnspanne um drei Prozentpunkte erhöhen. IBM wird nach der Transaktion einen Anteil von 18,9 Prozent an Lenovo besitzen, das die derzeit in Peking angesiedelte PC-Sparte nach New York transferieren und dort möglicherweise Aktien an die NYSE oder die Nasdaq bringen wird. Stephen Ward, zurzeit Vize-Präsident von IBM, soll Chef (CEO) von Lenovo werden. Lenovos derzeitiger Vize-Chairman Yuanqing Yang soll nach Abschluss der Transaktion zum Chairman (APA/AP/Reuters)

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    Liu Chuanzhi, Aufsichtsratsvorsitzender bei Lenovo (links) und John Joyce, Senior Vice-President & Group Executive bei IBM Global Services (rechts), beim "Handshake".

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