Tiroler Rekrut: "Vor der Aktion wurde den Soldaten gedroht"

12. Dezember 2004, 21:15
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Schüssel spricht von "skandalösen Vorfällen" , Heereszeitschrift hatte bereits im Frühling darüber berichtet

Wien - Nach Bekanntwerden des neuen Bundesheer-Misshandlungsfalls in Tirol sind die Ermittlungen am Dienstag angelaufen. Vertreter von Ministerium und Parlament fuhren ins Burgenland, wo die betroffene Einheit derzeit im Grenzeinsatz stationiert ist. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) sprach angesichts der Übergriffe in Freistadt und Landeck von "skandalösen Vorfällen". Und auch ein Betroffener meldete sich zu Wort: Er beschrieb die vor einem Jahr in Landeck fingierte Geiselnahme als "Grenzerfahrung"

Drohung, das freie Wochenende zu streichen

Der frühere Rekrut der Landecker Pontlatz-Kaserne berichtete gegenüber dem ORF-Radio, man sei zwar über die bevorstehende "Geiselnahme" informiert worden. Dass die Aktion dann aber fünf Stunden dauern würde, sei den Betroffenen nicht bewusst gewesen, auch die herrschende Kälte nicht. Durch Schlafentzug, Desorientierung und den Verlust des Zeitbezugs sei dies für ihn eine "Grenzerfahrung" geworden.

Vor der Aktion sei den Soldaten gedroht worden: "Wer nicht gescheit mitmacht, kann damit rechnen, am Wochenende in der Kaserne zu bleiben", berichtete der frühere Grundwehrdiener, der anonym bleiben wollte. Da damit das letzte Wochenende vor dem Assistenzeinsatz im Burgenland ausgefallen wäre, hätten es die meisten Rekruten nicht gewagt, aufzugeben. Für ihn sei die Aufgabe aber schließlich ohne Konsequenzen geblieben.

Schüssel: Übergriffe "skandalös"

Bundeskanzler Schüssel bezeichnete die Übergriffe auf Grundwehrdiener nach der Regierungssitzung am Dienstag als "skandalös". Gleichzeitig warnte er aber davor, angesichts der zwei Vorfälle gleich das System Bundesheer in Frage zu stellen. Scharf auch das Urteil der Bundesheer-Beschwerdekommission, die sich am Dienstag mit den Misshandlungsfällen in Landeck und Freistadt befasste. SP-Kommissionsmitglied Anton Gaal sprach von "menschenverachtenden Methoden", für Paul Kiss von der ÖVP stellen die Übergriffe eine "neue Dimension" dar. Die Kommission forderte daher Verbesserungen bei der Dienstaufsicht und bei den Ausbildungsplänen.

Platter kündigt Zwischenbericht an Staatsanwaltschaft an

Verteidigungsminister Günther Platter (V) kündigte an, noch am Dienstag einen ersten Zwischenbericht an die Staatsanwaltschaft zu übermitteln. Außerdem will er klären, warum nicht bereits im März - nach der Veröffentlichung eines Artikels über die Landecker "Geiselnahme" in der Heeres-Zeitschrift "Der Adler" - entsprechende Schritte gesetzt wurden. (APA)

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