Pressestimmen: "Die kakanische Bürokratie gehört beseitigt"

8. Dezember 2004, 18:45
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Bei kosmetischen Korrekturen darf es nicht bleiben - Tabus müssen fallen - es besteht Hoffnung auf eine nationale Kraftanstrengung

"Kurier":

"Der politische Wille, die Misere in den Klassen zu lösen, ist gegeben. Bei kosmetischen Korrekturen darf es nicht bleiben. Tabus müssen fallen. Die Debatte über die Schulstruktur wurde zu lange hinausgeschoben, auch andere wichtige Fragen wurden nicht beantwortet: Ist die Verteilung der Kinder nach der 4. Volksschulklasse (Hauptschule, Gymnasium) sinnvoll oder nicht? Werden durch die Mehrgliedrigkeit schwierige, schwache Schüler nicht gleich abgeschoben? Welche Vorteile hat die Gesamtschule bis zum 14. Lebensjahr? Was bringt die Ganztagsschule Müttern und Familien? Berücksichtigt werden muss auch der Einfluss der Umwelt auf die Schulleistungen. Besonders schwierig wird Aufbrechen des starren Lehrer-Dienstrechtes. Dieses hüten die mächtigen Lehrer-Gewerkschaften; auch sie müssen flexibler werden."

"Presse":

Jetzt ist der Stein der Weisen gefunden. Endlich hat sich in die das Land demütigende Pisa-Debatte Österreichs größter - seien wir doch ehrlich, wir sind ja unter uns: Österreichs einziger Bildungsexperte eingeschaltet. Nach Tagen des genauen Studiums aller verfügbarer Daten, des sorgsamen Abwägens (Man will doch niemandem Unrecht tun!), des Nachdenkens, des Sich-auf-die-Lippen-Beißens während der öffentlichen Diskussion hat sich sehnsüchtig erwartet Karl-Heinz Grasser eingeschaltet. Der Finanzminister ließ sich von bohrenden Journalisten einen kurzen, aber dafür umso bemerkenswerteren Kommentar abringen. Ja, ja es gebe schon ein Problem an den Schulen, meinte der frühere Everybody's darling der Innenpolitik sinnend sinngemäß. Und das, man höre und staune, liege an den Lehrern, genauer an deren mangelnder Leistungsorientierung. Die Pädagogen seien beim Urlaub besser gestellt als andere Arbeitnehmer und könnten doch auch den Nachmittag in der Schule verbringen. Soweit Bildungsexperte Karl-Heinz Grasser. Der Minister hätte es auch deutlicher sagen können: Schuld an der Misere sind die Lehrer. Weil's wahr ist. Und Schluss."

"Krone":

"Nach dem PISA-Schock hat ein Umdenken in der Bildungspolitik eingesetzt. Es darf angesichts dieser Katastrophe auch keine Tabus geben, keine Scheuklappen, keine Schuldzuweisungen. Jedes heiße Eisen, an dem man sich die Finger verbrennen kann, wird angefasst: Gesamtschule, verpflichtende Vorschule, Kindergärten für alle, auch für Ausländer. Genügend Themen für den Krisengipfel. Auch der Ton hat sich in der Bildungspolitik verändert. SPÖ-Chef Gusenbauer verspricht angesichts des PISA-Debakels, Schulreformen zu der erforderlichen Zweidrittelmehrheit im Nationalrat zu verhelfen. Bildungsministerin Gehrer bedankt sich artig bei ihm. Es besteht die Hoffnung, dass es zu einer nationalen Kraftanstrengung kommt."

"Salzburger Nachrichten":

"Aber diesmal scheint der PISA-Schock so tief zu sitzen, dass bereits kleine politische Wunder geschehen sind. In die seit Jahrzehnten festgefahrenen bildungspolitischen Grabenkämpfe, in denen alle Reformen durch starre ideologische Fronten und die Zweidrittelmehrheit blockiert waren, ist Bewegung gekommen. Der SPÖ-Chef kündigte an, bei sinnvollen Reformen auf die Sperrminorität bei Schulgesetzen zu verzichten. Und die angeschlagene Bildungsministerin will plötzlich 'ohne Scheuklappen, ohne ideologisch besetzte Begriffe diskutieren' und sogar - wenn auch mit spitzen Fingern und unter falschem Namen - das Thema Gesamtschule in die Diskussion aufnehmen. Dies alles hat es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben ... Ohne Fragen der Schulorganisation einzubeziehen, wird es nicht gehen. Der PISA-Test hat drastisch ein Zwei-Klassen-Schulsystem offen gelegt: Der Unterschied zwischen Schülern, die die Hauptschule, und solchen, die die AHS-Unterstufe besuchten, macht beim Lesen 102 Punkte aus, beim Rechnen 88. Schon 50 PISA-Punkte entsprechen laut Experten dem Lernfortschritt von eineinhalb Jahren."

"Kleine Zeitung":

"Die kakanische Bürokratie mit all den Proporz- und Schacher-Gremien gehört beseitigt, die Millionen in die desolate Einzelförderung gesteckt. Die Schulen, die nicht mehr unwirtliche Vormittagsbetriebe sind, erhalten Zielmarken, an denen sie gemessen werden, aber wie sie diese erreichen, obliegt ihrem Bildungsprogramm. An die Stelle von Inspektoren treten landesweite Qualitätschecks. Sie gelten für Schüler und Lehrer. Das Klassenzimmer darf keine Blackbox mehr sein, in die niemand hineinschaut. Ein entbeamtetes System muss möglich machen, dass die guten Lehrer die Avantgarde bilden, die didaktisch Immobilen in die Weiterbildung kommen und die Ungeeigneten in die Administration. Die Nachhilfe gehört verboten wie die Schwarzarbeit - ein Dokument unterlassener Hilfeleistung der Schule. Die erste nachhilfefreie Schule erhält einen Staatspreis. Anstatt Schwächere nach unten durchzureichen, sollte es bis 14 eine einheitliche Basisschule mit international konkurrenzfähigen Standards geben: das gemeinsame Bildungsfundament. Wer von dort in die gymnasiale Oberstufe will, muss zu den Besten gehören; der Notenschnitt zählt. Das gilt auch für die, die mit 18 die Beletage des Bildungssystems anstreben, die Universität. Wir selektieren bei den Milchzahn-Kandidaten und machen dann den Trichter breit. Höchste Zeit, dass wir ihn auf den Kopf stellen."

"Tiroler Tageszeitung":

"Die solide Bestandsaufnahme, woran das Schulsystem krankt, die bekam Gehrers Ressort schon vor über einem Jahr geliefert: Es waren die Empfehlungen der Zukunftskommission. Manches wurde diskutiert, insgesamt aber blieb der Eindruck vorherrschend, dass beileibe keine Eile geboten sei. 'Zukunft braucht helle Köpfe' folgerte Kanzler Schüssel in der Regierungserklärung 2003. 'Alle Kinder sollten nach der Volksschule sinnerfassend lesen', propagierte er unter anderem. Laut neuestem PISA-Befund blieben vom Ministerium abwärts viele Leselämpchen weiter dunkel. Seit Jahren ist das Klagelied der Wirtschaft zu vernehmen, wonach Jugendliche beim Einstieg in die Lehre gravierende Mängel bei Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Den Ruck durch die heimische Bildungslandschaft ließen der Kanzler und seine Ministerin deshalb nicht gehen. Jetzt soll das anders werden. Ein Gipfel ist angesagt, Drohung und Verheißung in einem." (a

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