Tanzen bei Rotlicht

7. März 2005, 13:35
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Fußball-Kommentator- Ikone Peter Elstner, bei ATVplus reaktiviert, im Interview: "Hanappi und Ocwirk, die waren wirkliche Sirs"

Peter Elstner war jahrelang Leiter der Fußballabteilung beim ORF, für den er im April 2004 sein letztes Länderspiel kommentierte. Statt seine Pension zu genießen, treibt er sich nun für ATV+ wieder auf Trainingsplätzen herum und berichtet von den Bundesliga-Spielen. Im Gespräch mit dem ballestererfm erklärte er die Gemeinsamkeiten von Fußball und Schach, Leidenschaft und Sachlichkeit und erzählte letzten Endes doch die Geschichte von Pepi Hickersberger und der verschlossenen Kabinentür.

ballestererfm: Sie haben nicht nur Jahrzehnte lang Fußball kommentiert, sondern sind auch selber Fußballer. In welchen Teams haben Sie Erfahrung gesammelt?

PETER ELSTNER: Na ja, ich bin ein Vergnügungsfußballer. Gespielt hab ich bei Rudolfshügel und später beim FC Wien, dort hab ich aber nie eine Wäsch’ gekriegt. Heute weiß ich warum: Weil ich ein Mittelschüler war. Mein Klassenkollege, der vier Mal so gut gespielt hat wie ich, hat auch keinen Platz in der Mannschaft bekommen. Wenn man am alten FC Wien-Platz nicht Fußball gespielt hat, musste man Steine klauben. Ich hab viele Steine geklaubt.


»Fußball ist wie Schach. Man bewegt sich, man muss beim Bewegen denken, man muss sich beim Denken bewegen.«

Warum genießt der Satz »Ein jeder, der selbst Fußball spielt, weiß, wie schwer das ist« in ihrem Repertoire zentrale Bedeutung?

Weil ich glaube, dass jeder, der einmal versucht hat, ein Tor zu schießen, eine Flanke zu schlagen, einen Ball in Bedrängnis anzunehmen, weiß, wie grund- und hundselendig das in der Bewegung und in dem affenartigen Tempo heute zu bewerkstelligen ist. Jeder, der Fußball spielt oder gespielt hat, sollte Verständnis für die momentane Situation eines Fußballers haben. Dass der einmal einen Fehlpass macht, oder vielleicht auch drei hintereinander.

Was hat sie am Fußball besonders angezogen?

Fußball ist wie Schach. Man bewegt sich, man muss beim Bewegen denken, man muss sich beim Denken bewegen. Noch immer ist da ein breiter Raum offen, auch in der aktuellen Zeit. Du hast irrsinnig viele taktische Möglichkeiten. Vom Trainer angefangen bis zum Spieler auf der jeweiligen Position, das hat mich einfach fasziniert.

Mit welchen österreichischen Kickern haben Sie sich besonders gut verstanden?

Ich hab den Gerhard Hanappi sehr verehrt, weil er mit dem Geld, das er als Fußballer verdient hat, sein Architekturstudium finanziert hat. Auch den Ocwirk habe ich persönlich kennen gelernt - Hanappi, Ocwirk, Koller, das war die berühmte Mittelfeldachse. Heute würde man sagen, das waren Gentlemen, aber das ist untertrieben. Die waren wirkliche Sirs. Der Hanappi auf seine intellektuelle Art und der Ocwirk auf die menschliche. Der hat Charisma gehabt. Ich erinnere mich an ein Benefizspiel mit dem Freddy Quinn auf der Hohen Warte. Da durfte ich mich neben dem Ocwirk und Hanappi umziehen und auch zwischen ihnen spielen. Sie haben mir damals das Du-Wort angeboten, da bin ich in die Knie gegangen.

Sie haben mit Heinz Prüller dieselbe Schulklasse besucht. Wie sind sie später wieder zusammen gekommen?

Wir waren gemeinsam im BRG V in der Reinprechtsdorfer Straße. Ich war schlimm, bin in Französisch durchgefallen. Und der Prüller Heinzi, der ja ein Jahr jünger ist, hat was angestellt in einer anderen Schule und ist daher zu uns gekommen. Wieder getroffen haben wir uns bei einem Auto-Unfall. Das ist eine lustige Geschichte. Ich steh im Milchgeschäft meiner damaligen Schwiegermutter, Ecke Ramperstorfergasse/Margarethenstraße. Auf einmal kracht es draußen. Wie ich raus schau, steht dort der zerraufte Prüller Heinzi neben seinem offenen Fiat und sagt ganz verwirrt: »Jo, jo, i bin zu schnell gefahren«. Und ich sag: »Herst, bist wahnsinnig, du bist der Rechtskommende!«. So hab ich ihn rausgerissen. Da hat er gemeint: »Zwieferl – mich haben sie in der Mittelschule Zwieferl genannt, wegen meinem wirren Haarschopf -, du hast immer gute Aufsätze geschrieben und warst ein guter Sportler, willst nicht zum Express kommen?« Das war die Zeitung, bei der er geschrieben hat.

sWar es Zufall, dass sie beide nachher zum ORF gekommen sind?

Das hat sich so ergeben. Der ORF-Sport war damals in den Kinderschuhen und hat Journalisten gebraucht. Weil ich schon immer musiziert und mich freigeistig bewegt hab, hat mir das Medium gefallen. Bild, Bewegung, Musik, Geräusch und das zusammenzuspannen - irgendwo hab ich gespürt, das will ich kennen lernen.

In welchem Jahr wurden Sie beim ORF angestellt?

1978. Aus dem »Sportmosaik«, einer kleinen 20-Minuten-Sendung, hat sich unter dem Bergmann Sigi der »Sport am Montag« entwickelt. Ich hab 25 Sendungen präsentiert, und Anfang der 80er Jahre hat mich dann der seinerzeitige Sportchef des ORF, Teddy Podgorski, zum verantwortlichen Redakteur für Fußball ernannt. Seitdem war ich Fußball-Chef. Bis zur Pension.

Warum moderieren Sie jetzt wieder?

Ich bin nicht zu ATV+ gegangen, sondern sie sind zu mir gekommen. Ich wollte nichts mehr machen, weil ich genug Hobbies hab. Ich sportle, musiziere und habe endlich Zeit für meine drei Kinder, meinen Enkel und meine junge Lebensgefährtin, die selber Fernsehen macht und sehr engagiert ist. Aber der Nanseck [Sportchef bei ATV+, d. Red.] hat mich wirklich nett gefragt, ob ich ihnen pro Woche ein Match machen kann. Das ganze soll für mich nicht in Arbeit ausarten, obwohl ich es ordentlich zu machen versuche.

Bei ATV+ moderieren Sie in einem anderen Format als beim ORF. Haben Sie Probleme damit, dass der Eventcharakter im Vordergrund steht.

Das steckt noch in den Kinderschuhen, ist eine Pioniertätigkeit. Aber es sind junge und ambitionierte Leute. Am Anfang war es schon ein bisschen wie Mittelschulfernsehen. Aber es perfektioniert sich, ist solide und verkaufbar. Im Frühjahr rennt die Sendung, da hab ich keine Sorgen. Die Jungen sind wirklich bemüht, fragen und sind auch gewillt, etwas zu lernen. Es ist so wie bei allen Dingen, die neu entstehen: Da gibt es Ambitionen, auch wenn sie teilweise in die falsche Richtung gehen, aus Übereifer. Aber die sind da viel mehr vorhanden als in einem saturierten Unternehmen.

Welche Kriterien verknüpfen Sie mit dem Beruf eines Fußballreporters?

Als mich ATV+ gefragt hat, ob ich mitarbeiten will, hab ich erst einmal nix gesagt, bin zu Rapid, Austria und zur Admira gegangen und hab mich hinter den Busch gestellt. Im Urlaub in Innsbruck auch. In der heutigen Zeit tauchen so viele neue Spieler auf, wenn du da drei Wochen nicht zuschaust, kennst niemanden mehr, übertrieben gesagt.

Besuchen die jüngeren Kollegen auch das Training?

Das weiß ich nicht. Ich hoffe es. Der Schmiedl Max ist jedenfalls mit mir mitgegangen.

Viele Fußballfans lieben Sie für ihren beherzten Kommentar, andere kritisieren ihre »Volkstümlichkeit«. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Jeder Reporter muss sich beim Kommentieren darüber im Klaren sein, dass sich der Fachmann weder auf der Trainerbank befindet noch am Spielfeld oder in der Reporterkabine. Der wahre Fachmann sitzt daheim mit dem Bier und der Wurstsemmel oder der Zigarette. Und der weiß die richtige Aufstellung und der weiß, ob das ein guter Pass war und der weiß, ob der Kommentator ein Vollarsch ist oder ob er ihn gern hat. Das ist das gute Recht des Publikums, daran kann man nicht rütteln. Der Fachmann sitzt zuhause und dem hat man sich zu unterwerfen. Und das halte ich aus.

Wirklich?

Gott sei Dank, habe ich es ausgehalten. 50 Prozent sagen: »Das ist ein Volltrottel« oder »Hör zu, wie der spricht. Der hat eine hohe Stimme, warum ist der beim Fernsehen?«. Die anderen 50 Prozent sagen: »Der gefällt mir«. Wenn du einen Prozentsatz erreichst von 70:30 oder 80:20, bist eh schon ein Weltmeister. Ich hab dem Schmiedl gesagt: Man muss eine gewisse Glaubwürdigkeit erreichen. Das heißt, die Leute müssen dem Reporter – auch wenn sie ihn nicht mögen – abnehmen, dass er sich auskennt. Man muss glaubwürdig sein und kompetent erscheinen. Am besten ist es natürlich, wenn man nicht nur kompetent erscheint, sondern es auch ist.

Bei der Recherche sind wir auf ein Ereignis gestoßen, das wir leider im Fernsehen nicht miterlebt haben…

Ihr fragt’s mich aber jetzt nichts übers DDR-Match?

Nein, keine Sorge. Beim der WM 1998 haben Sie beim Spiel Kolumbien gegen Tunesien eine Zeit lang geschwiegen und dem kolumbianischen Reporter das ORF-Mikrofon vor den Mund gehalten. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ich war umringt von Südamerikanern. Das Match war irrsinnig gut und ich wollte einfach die Stimmung transportieren. Ich hätte sachlich bleiben und die Namen herunter kommentieren können. Aber ich hab mitbekommen, was da um mich herum los ist, wie die geschrieen haben. Da hab ich mir gedacht: »Das müssen die zu Hause hören«. Es kam ein spannender Angriff und ich hab dem Kolumbianer gedeutet, er soll zu mir herüberwandern und ihm das Mikro hingehalten. Kolumbien hat genau in diesem Moment ein Tor geschossen. Das war super. Dem Elmar Oberhauser wird’s zwar nicht gefallen haben, aber mir hat’s getaugt.

Fußball im Fernsehen ist für viele Fans eine Form von Kommerzialisierung des Spiels, die mittlerweile zu weit geht. Etwa, wenn die Terminzeiten diktiert werden.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Beginnzeiten immer von den Klubs bestimmt wurden. Die Klubs und die Bundesliga waren eigentlich die Unprofessionellsten, mit denen ich je zu tun hatte. Das Fernsehen richtet sich immer nach den Wünschen der Klubs und immer ist es ihnen nicht recht. Dabei müssten sie so zu spielen, wie es international üblich ist: zu einem perfekten, permanenten Termin. Samstagnachmittag, oder wie es in Italien üblich ist, Sonntagnachmittag. Immer. Und wenn ich im Urlaub war und am Freitag nach Hause komme, muss ich wissen, dass am Samstag um 15.30 die Matches stattfinden. Nur, das geht bei unseren Klubs nicht. Da hat jeder einen kleinen Schrebergarten, den er beharkt, und ist nicht gewillt über seinen Zaun hinausschauen. Darum haben wir den Wickel.


"Ich bin ein Fußballfreak, aber es wird zu viel Fußball im TV gesendet. Jeden Tag Schnitzel essen ist auch nicht gesund."

Für die Fans bestand vergangene Saison die Problematik, an einem Wochentag um 18h bei einem Auswärtsspiel rechtzeitig im Stadion zu sein. Diese Termine wurden vom ORF angesetzt.

Ganz perfekt wird man es nie machen können. Wenn ich einen Fernsehvertrag unterschreibe, für den ich Geld bekomme, dann hab ich als Klub das auch zu akzeptieren. Das Fernsehen ist ja kein Wunschkonzert. Egal, ob das ATV+ oder den ORF betrifft. Jede Fernsehanstalt will ihr Produkt so gut wie möglich verkaufen.

Ist der Fußball zu sehr ein Produkt des Fernsehens geworden? Zum Beispiel in Portugal, wo Freitag, Samstag, Sonntag und Montag Ligaspiele übertragen werden?

Ich bin ein Fußballfreak, aber es wird zuviel Fußball im TV gesendet. Jeden Tag Schnitzel essen ist schließlich auch nicht gesund. Ich glaube, dass da ein Wechsel stattfinden muss.

Halten Sie es für eine gute Idee, dass man für Fußball im Fernsehen bezahlen muss?

Ich besitze kein Pay-TV-Abo, weil ich für Fußball im Fernsehen nicht zahlen will. Da schau ich es mir lieber live an. Aber das ist eine private Geschichte. Ich halte auch nichts von einer Konferenzschaltung, aber vielleicht bin ich da verzopft. Wie hat der Mozart so schön gesagt? (Elstner blickt in die ahnungslosen Gesichter der Fragensteller) Der Mozart hat gesagt: Die Pause ist die Mutter der Musik. Was macht ein Ereignis spannend? - das Warten darauf. Etwa eine Kombination: Führt die jetzt zu einem Tor, zu einer Flanke, zu einem Schuss, zu einem Foul im Strafraum oder zu was auch immer? Das Warten, ob etwas passiert, das ist das Spannende. Bei einer Konferenzschaltung ist das Fernsehen immer hinten nach. Ich bewege mich von einem Corner zu einem Elfer zu einem Freistoß. Es gibt keine Kombinationen. Fußball sehe ich überhaupt nicht mehr, der Fußball ist weg.

Was war der emotionalste Moment Ihrer Karriere?

Es gab viele emotionale Momente. Ich bin beim 3:2 in Córdoba mit einem Kameramann hinterm Tor gestanden und hab die Tore, die jeder schon so oft gesehen hat, mit ihm aufgenommen. Die Frage vor dem Spiel war: Hinter welches Tor stelle ich mich? Normal musst du sagen, du stellst dich hinters österreichische, weil dort kracht es, wenn du gegen Deutschland spielst. Siehe die letzten Partien. Aber ich habe den Mut des Jungen gehabt und gesagt, wir stellen uns hinter das deutsche Tor. Als Kommentator partizipierst du immer am Erfolg der eigenen Nation. Du kannst reden wie Shakespeare. Aber wenn wir verlieren, musst du erklären, warum – in wohlgesetzten Worten.

Hans Krankl hat für ziemliches Aufsehen gesorgt mit seinem Interview nach dem Spiel in Nordirland. Was war das lustigste Interview, das Sie je geführt haben?

Das Lustigste war jenes, das ich nicht geführt habe, damals gegen die DDR. Ich bin mir vorgekommen, wie der Kasperl an den Drähten der Marionettenführer. Die Regie hat mir gesagt, in zehn Sekunden hast du Rotlicht. Ausgemacht war, dass ich in die Kabine hinein kann, wenn wir gewinnen. Ich bin aber erst kurz zuvor von einer Dienstreise zurückgekommen. Und was ich daher nicht wusste, war, dass der Bergmann Sigi im »Sport am Montag« nicht einen Satz verloren hat über dieses Spiel der totalen Entscheidung. Stattdessen hat es eine Geschichte über den schönsten österreichischen Fußballer gegeben. Und von den Teamspielen ist nur der Ersatztormann, der Konsel, Fünfter geworden. Der Ogris und die anderen haben sich daher ausgemacht, dass wir kein Interview kriegen. Davon wusste ich nichts. Der Hickersberger hat mir versprochen, dass ich in die Kabine darf. Ich hab also angeklopft und sie haben nicht aufgemacht. Dann haben sie aufgemacht und ich hab gesagt: »Pepi, lass mi eini«. Nicht zu sehen war im Fernsehen, dass der Koncilia ihn weggerissen und die Tür geschlossen hat. Der Pepi hat nachher behauptet, er hätte mich nicht gesehen. Aber so ist das: Wenn du Rotlicht hast, dann tanzt du.

Das Interview führten Stefan Kraft und Reinhard Krennhuber.

Inhalte des neuen Ballesterers:

Schwerpunkt: Der Fernseh-Kick
PREMIERE: Die Erben von Leo Kirch
GESCHÄFTEMACHER: Murdoch und Berlusconi
ORF-GESCHICHTE: Als die Bilder laufen lernten
SPANNUNGSFELD: Die Beziehungen von Lederwuchtel und Fernsehkastl

Außerdem:
Die BUNDESLIGA-STEWARDS kommen
STADTRUNDFAHRT BELFAST
OGC NICE: Trainerfuchs Gernot Rohr
ARGENTINIEN: Die Außenseiter von Nueva Chicago
Theater und Fußball: GEORG SPRINGER im Interview

Präsentationsparty

Freitag, 17. Dezember 2004 im BILLY’s BONES am Schlickplatz 4, 1090 Wien mit DJ Michael Hatz (Admira Wacker), Beginn: 20 Uhr

Link

ballesterer.at

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