Abu Ghraib oder die Schweiz: Schweiz-kritische Ausstellung in Paris

13. Dezember 2004, 20:59
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Thomas Hirschhorn provoziert Eidgenossen mit Ausstellungsplakat zu "Swiss-Swiss Democracy" und Performance in der Konterfei Blochers bepinkelt wird

Paris - Die Schweiz-kritische Schau "Swiss-Swiss Democracy" im Centre culturel Suisse de Paris (CCSP) provoziert die Eidgenossen: Auf dem Ausstellungsplakat wird die Schweiz mit Abu Ghraib verglichen, in einer Performance das Konterfei von Bundesrat Blocher bepinkelt. Die betroffenen Regierungsstellen geben sich gelassen.

Bisher keine Stellungnahme von offizieller Stille

Der Schweizer Botschafter in Paris, François Nordmann, alarmierte am Donnerstag die Zentrale in Bern, worauf Außenministerin Micheline Calmy-Rey die Departemente Blocher (EJPD) und Couchepin (EDI) informierte. Das bestätigte EDI-Sprecher Jean-Marc Crevoisier am Montag der sda. Beide Departemente nehmen keine Stellung zur Ausstellung, wie sie am Montag gegenüber der sda bekräftigten.

Couchepin will sich Ausstellung nicht anschauen

Bundesrat Couchepin will seinen Paris-Besuch vom Dienstag auch nicht zum Anlass für einen Besuch des CCSP machen. Couchepin trifft sich mit Frankreichs Kulturminister Donnedieu de Vabres zur Unterzeichnung eines Film-Kooperationsabkommens. Zum Besuch der von Thomas Hirschhorn arrangierten Ausstellung sei die Zeit zu knapp, sagt sein Sprecher. Außerdem wolle Couchepin sich nicht in den Kompetenzbereich der die Schau tragenden Kulturstiftung Pro Helvetia einmischen. Sie sei in ihren Entscheidungen autonom.

"Kolloquium über Demokratie"

Die von Couchepins Departement alimentierte Pro Helvetia, die für die Ausstellung 180.000 Franken (117.863 Euro) gesprochen hat, "versteht, dass sie heftige Reaktionen auslöst". Doch das Projekt sei keine Ausstellung über Bundesrat Blocher, sondern "ein zwei Monate dauerndes Kolloquium über Demokratie", schreibt die Stiftung in einer Stellungnahme vom Montag. Eine Demokratie beweise Stärke, indem sie auch kritische Künstler unterstütze. Außerdem sei die Freiheit der Kunst in der Schweizer Verfassung verankert.

Hirschhorh: "Ce n'est pas une provocation"

"Ce n'est pas une provocation" ("Dies ist keine Provokation") schreibt der soeben mit dem Joseph Beuys-Preis ausgezeichnete Berner Künstler Hirschhorn in seinem Manifest zur multimediale Installation. Er wolle durch die "Besetzung" aller Räume des CCSP "gegen die Ausnützung der Demokratie, die Absurdität der direkten Demokratie und die Wahl von Christoph Blocher" revoltieren.

Hirschhorn zeige nur ein "wahres Problem"

Die Ausstellung sei keine Polemik, betonte auch CCSP-Leiter Michel Ritter gegenüber der sda. Hirschhorn zeige nur ein "wahres Problem" auf. Er habe die ausgestellten Materialien über Demokratie und Meinungsfreiheit - darunter Collagen aus Presseartikeln - "nicht gemacht, sondern vorgefunden".

Die Szene aus der Theater-Rahmenveranstaltung "Guillaume Tell", in der ein Schauspieler wie ein Hund ein Konterfei von Christoph Blocher bepinkle, sei von der Presse aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die Szene wolle zeigen, dass Bürger keine Angst vor Mächtigen haben sollten, sagt Ritter.

Entgegen anders lautender Medienberichte sei die Ausstellung auch nicht seine teuerste. Die relativ hohen Kosten entstünden vor allem durch Gagen für neun Leute, die täglich Performancen bestreiten, neben der Theatercompagnie Gwenael Morin etwa auch der Philosoph Marcus Steinweg.

Persönliche Animositäten in Abrede gestellt

Dass Hirschhorn persönliche Animositäten gegen Bundesrat Blocher hege, stellt Ritter in Abrede. In den für die Schau verwendeten, realen Presseberichten würden alle Bundesräte kritisch beleuchtet. Bis jetzt habe sich das Publikum auch nicht provoziert, sondern interessiert und beeindruckt gezeigt. Allein am Eröffnungstag (Samstag) seien 1.000 Besucher gekommen. (APA/sda)

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    foto: ausstellung
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