Kommentar der anderen: E-Mail von Elfriede Jelinek

6. Dezember 2004, 20:15
posten

In Erwiderung auf eine Anfrage der Redaktion zum Thema Pisa

Endlich muss ich keine Fragen mehr beantworten und tu es auch nicht mehr! Ich kann höchstens wiederholen, was ich immer schon gesagt habe: Österreich vergötzt den Sport und verachtet jede Art geistiger Leistung. Das ist gesellschaftliche Norm und wird schwer zu durchbrechen sein. Dieses Land hat immer seine besten Geister und Künstler vertrieben, noch in den 70er-Jahren die wichtigsten Künstler in die Emigration getrieben und kriminalisiert. Wie kann man da erwarten, dass intellektuelle oder künstlerische Leistung überhaupt einen Wert darstellen sollen? Man weiß ja gar nicht, wo man überhaupt anfangen könnte, etwas zu kritisieren, wenn immer noch die Gegenreformation marschiert. Kinder werden noch in der Volksschule für ihren späteren Lebensweg buchstäblich selektiert, nur damit diese katholisch geprägte feudalistische Klassengesellschaft ihre Existenzlüge der auserwählten (und in meist katholischen Privatschulen erzogenen) Elite und des ungebildeten Fußvolks aufrechterhalten kann. Nur in katholischen Ländern findet man noch so rückständige Gesellschaften. Eine Ministerin Gehrer wäre in dieser Position ohnedies nirgendwo sonst möglich. (Die Klavierspielerin ist nicht Ergebnis einer Ausbildung, sondern einer selbstverleugnerischen Dressur! Das ist es ja!) Es wäre noch vieles mehr zu sagen, aber, siehe oben ... Elfriede Jelinek (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 7.12.2004)
Share if you care.