Kaufen ohne Verschnaufen

29. Dezember 2004, 19:10
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Die Bedeutung des Weihnachtsgeschäftes im Handel schwindet mit der steigenden Lautstärke, mit der es beworben wird - Trotzdem dürfte ein Drittel der geldausgabefähigen Österreicher am 8. Dezember auf Shoppingtour sein

Seit nunmehr neun Jahren dürfen in Österreich die Geschäfte auch am katholischen Marienfeiertag, dem 8. Dezember, geöffnet haben. Für den heimischen Einzelhandel ist dieser Tag quasi der "fünfte Einkaufssamstag" vor Weihnachten.

Vor 1995 sorgten Einzelaktionen streitbarer Kaufleute für Zwist mit Kirche und Gewerkschaft. Die Sondergenehmigung wurde dann mit drohendem Kaufkraftabfluss ins Ausland begründet.

Entscheidende Tage

Schließlich entscheiden die Tage vor Weihnachten für nicht wenige Betriebe über Ach oder Juchhe des gesamten Jahres. Die Kirche gibt sich in Sachen 8. Dezember mittlerweile versöhnlich, verdammt das kollektive Kaufen nicht mehr, sondern bietet: "Verschnaufen vom Kaufen".

Auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn zollt dem herrschenden Zeitgeist Tribut, er wird am Nachmittag in Richard Lugners City Kinder segnen.

KMU Forschung Austria prognostiziert, dass ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung am Mittwoch auf Shoppingtour sein wird. Doch wann immer Herr, Frau, Kind und Hund Österreicher dem Handel das Weihnachtsgeld hintragen werden, an einem Samstag, am 8. Dezember oder auf dem letzten Drücker am 23. Dezember: Insgesamt stagniert das Weihnachtsgeschäft seit Jahren, auch wenn der Hype stetig größer zu werden scheint. Jedoch: Zwei bis drei Prozent nominaler Zuwachs scheinen aber möglich, glauben diverse Experten (siehe Grafik).

Bessere Stimmung

Heuer ist die Stimmung besser, versichern Gesprächspartner aus dem Handel allerorts. Durch die Branche ging kollektives Ausatmen, da heuer - im Gegensatz zum Vorjahr, als die Geschäfte spürbar schlechter gingen - keine angstmachende Pensionsdebatte die Kauflaune trübt.

Weihnachtliches Ritual

Bei der Beurteilung des Weihnachtsgeschäfts hat sich ein Ritual herausgebildet. Zuerst erscheinen im August erste Christbaumkugeln im heimischen Handel. Die Handelsforscher registrieren das, und sehen es auch als Beweis der These, wonach Bedeutung des saisonalen Schenkens seit 1945 sukzessive sinke. Die Kaufleute lassen danach verlauten, dass es wieder einmal ein extrem schwieriges Jahr war, jedoch könnte Weihnachten wieder alles gut machen.

Dann kommt der erste Einkaufssamstag, der Handel konstatiert viele Schauer, aber wenige Käufer - und beneidet die Betreiber der Punschhütten. Am Einkaufssamstag zwei und drei steigt der Stimmungspegel (nicht nur an den Punschhütten), knapp vor dem Fest wird noch um Last-Minute-Käufer gebuhlt.

Handelsforscher errechnen dann, dass das Geschäft um x,x Prozent höher oder niedriger war, und weisen darauf hin, dass Gutschein- und Geldgeschenke beliebter werden. Auch der Trend, wonach 1A-Lagen mehr Käufer und Umsätze auf sich konzentrieren, die Nebenlagen hingegen an Bedeutung verlieren, verstärke sich signifikant.

Insofern lohnt sich eine Betrachtung des Trubels doch: Zeigt er doch in konzentrierter Form den Zustand einer gesamten Branche. (szem, DER STANDARD Printausgabe, 07.12.2004)

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