Es ist nicht billig, Rainer zu verstehen

13. Dezember 2004, 20:58
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Am 8. Dezember wird er 75 - Die Wiener Galerie Ulysses, die Innsbrucker Galerie Thoman und Monika Perzl in Schärding zeigen Geburtstags­ausstellungen

Dem Meister selbst sind derartige Würdigungen suspekt. Er weilt zurzeit auf Teneriffa.


Wien - 75 wird er jetzt, und immer noch ist er bereit, sich erregen zu lassen. Immer noch will er "immernochweiterdarüberhinaus", den Dauerzustand in der Plateauphase verlassen.

Und höchstwahrscheinlich geht ihm sein Publikum immer noch so auf die Nerven, wie damals, 1951, als der gerade 21-jährige Autodidakt - wenn man von den drei Tagen als Student an der Wiener Akademie absieht - anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung der "Hundsgruppe" (Rainer mit Fuchs, Lehmden, Brauer, Hollegha und Mikl) ein beherztes "Ich spucke auf euch!" in den Raum kotzte, "voller Hass und Abscheu und Enttäuschung über die Eröffnungsrede von Ernst Fuchs".

Das war aber auch das Jahr, in dem Rainer den Bruch mit dem zutiefst wienerischen Phantastischen Realismus vollzog, erste Dezentralisationen, die Blindmalerei und in Folge die Übermalungen erprobte. Und damit endlich den echten Rainer ans Licht brachte, den Wutgeborenen, der seinen und anderer Körper in Grimassen, Posen und Verrenkungen nach außen stülpt. Rudi Fuchs mutmaßte in seiner Rede zur kleinen Geburtstagsschau in der Wiener Galerie Ulysses: "Es ist noch lange nicht vorbei. Es wird immer besser."

Was hieße, die legendären Werkgruppen, die Übermalungen, und Face Farces, die Body Poses und Charakterköpfe, Hand- und Fingermalereien, Christus- und Heiligendarstellungen künftig noch zu übertreffen. Die Übermalungen von Totenmasken und Leichenbildern, die Hiroshima-Serie, die Botanica und Mikrokosmos-Makrokosmos-Bilder noch zu toppen. Oder gar die Kreuz- und Madonnenübermalungen.

Dazu bedarf es einer ungeheuren Anstrengung. Und einer Konsequenz, etwa Geburtstagsausstellungen, derer es gerade wieder einige gibt, zu meiden. Weil, wie Rainer schon anlässlich seines 70ers festgestellt hat: "Geburtstagsausstellungen eröffnen depressive Zukunftsaussichten. Man geht jetzt auf die 80 zu, mehr wie zehn Jahre wird man als Künstler aus physischen Gründen nicht mehr weiterkommen. Was kann man machen, wenn man im Rollstuhl sitzt und die Hände gelähmt sind? Theoretisch müsste es aber auch dann eine Form der Weiterarbeit geben."

Oder Themenkomplexe, denen immer wieder ein gutes Bild abzuringen ist: So wie sich Rainer über die Jahrzehnte hinweg immer wieder einmal in den Steilhang begeben hat, um Mitte der 70er-Jahre in Schwarz/Weiß gebannte Massive zu erobern, den kristallinen Strukturen mit dem Griffel aufzulauern, Schichtungen und Gesteinsbewegungen herauszupräparieren.

In den 90ern hat das dann zu gröberen Korrekturen an Almen, Senken und Mugelbergen geführt, hatte der Nacherschaffer blutrote Anmerkungen zu Semmering und der Bergwelt Tirols zu machen. Um dann - ganz frei aus seinem Alpinschatz zitierend - erstaunlich leichte, fast schwebende Wände im Morgentau in ein mittleres Format zu setzen.

Im aktuellen Kunstkompass der Zeitschrift Capital rangiert der Rainer auf Platz 74, und damit mit Franz West und Maria Lassnig immer noch im Spitzenfeld der österreichischen Exportkunstwirtschaft. Im Gegensatz zu anderen dürften Arnulf Rainer solche Listen nicht eben suspekt vorkommen.

Ganz im Gegenteil: Erwerb und Verständnis seiner Werke durch Dritte sind ihm untrennbar miteinander verbunden: "Meine einzelnen Bilder verstehe ich schon gar nicht. Das gelingt nur jenen, die sie vorher erworben und gut bezahlt haben."

Aus 1971 ist dieses Zitat überliefert. Es passt bestens zu Rainers Standardantwort auf die oft gestellte Frage, ob er denn auch im Auftrag übermalen würde: "Es kann passieren, dass etwas zu mir getragen wird, das am Markt nicht zu teuer ist. Es ist ja niemand so dumm, ein sehr teures Meisterwerk zu mir zu tragen. Das Übermalen war ja ursprünglich kein Konzept. Aber zu meiner Zeit waren im Dorotheum die alten Bilder oft billiger als die neuen Leinwände. Damit habe ich mir das Übermalen angelernt." (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2004)

Von
Markus Mittringer
  • Solange die Erregung hält, wird Arnulf Rainer, der am 8. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert, nicht müde werden, an sich und Dritten Korrekturen vorzunehmen.
    foto: galerie thoman

    Solange die Erregung hält, wird Arnulf Rainer, der am 8. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert, nicht müde werden, an sich und Dritten Korrekturen vorzunehmen.

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