"Wir müssen den Unterricht verbessern"

6. Dezember 2004, 19:06
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Günter Haider, Leiter des österreichischen PISA-Zentrums, im Interview

STANDARD: Sind die Pisa-Ergebnisse Symbol einer nationalen Bildungskrise?

Haider: Man sollte positiv sein und sagen, gut, dass wir wissen, dass wir Probleme haben. Aber man muss auch, wie die Kinder so schön sagen, cool bleiben, die Dinge analysieren und dann konsequent das Richtige tun.

STANDARD: Was ist zu tun?

Haider: Wir müssen den Unterricht verbessern, das ist die zentrale Botschaft. Wir müssen uns darum kümmern, was in den Grundschulen passiert. Die Lehrer berichten, dass es immer schwieriger wird, dort zu unterrichten. Wir müssen sie unterstützen, besser und gründlicher aus- und fortbilden, auf den modernsten Stand bringen.

STANDARD: Wie sähe besserer Unterricht aus?

Haider: Individualisierung ist ein wesentlicher Schritt. Bei uns wird sehr stark auf einen "mittleren" Schüler hin unterrichtet. In Zukunft soll der Schüler als Person, wo er gerade steht, besser gefördert werden. Das geht aber nicht in einer Klasse mit 30 Schülern, wo zehn nicht deutscher Muttersprache sind und fünf verhaltensauffällig. Das ist schwer zumutbar.

STANDARD: Wirkt die frühe Selektion mit zehn Jahren doppelt negativ?

Haider: Frühe Selektion ist ohne Zweifel etwas, das uns behindert, weil die kompensatorische Erziehung einfach zu kurz ist, um bestimmte Nachteile aus bildungsfernen Schichten in der Schule ausgleichen zu können.

STANDARD: Können wir uns für Pisa III mit Schwerpunkt Naturwissenschaft schon auf den nächsten Absturz einstellen?

Haider: Recht viel weiter abstürzen können wir nicht mehr. Wir sind ja kein Entwicklungsland. Es sollte uns doch gelingen, zumindest ein mittleres Leistungsausmaß zu halten, bis die Reformen wirklich greifen.

 (DER STANDARD-Printausgabe, 7.12.04)

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