Bildungsministerin Gehrer unter Druck

8. Dezember 2004, 18:45
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Schlankere Bildungsverwaltung, vorverlegte Nachprüfungen, ein Reformdialog im Jänner – das ist die Antwort von Elisabeth Gehrer auf die Pisa-Krise. Die Opposition sieht dahinter nur Inszenierung

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) setzte bei der Präsentation der Pisa-Studie auf Symbolik: Sie bat die Presse in den so genannten "Mathspace" des Wiener Museumsquartiers – einem Labor, in dem Kinder (und auch Ältere) die Faszination der Zahlen erforschen können. Eine Faszination, die, wie die Pisa-Ergebnisse zeigen, später in der Schule schnell wieder verloren gehen kann.

Um das zu verbessern, präsentierte Gehrer eine ganze Reihe von inhaltlichen Vorschlägen, die beim für Ende Jänner geplanten "Reformdialog" zum Thema Bildung bereits auf dem Tisch liegen sollen. So sollen etwa die Kinder schon ein Jahr vor Schulbeginn an der Volksschule eingeschrieben werden, damit bei Bedarf schlecht Deutsch sprechenden Fünfjährigen Kurse angeboten werden können. Dazu bedürfe es aber der Hilfe der für die Kindergärten zuständigen Länder. Nachprüfungen sollen in die letzte Ferienwoche verlegt werden.

Damit schwenkt Gehrer auf eine Forderung des steirischen VP-Landesgeschäftsführers Andreas Schnider ein, der als bildungspolitischer Vordenker in der ÖVP gilt. "Ich verspüre Morgenwind", meinte dieser am Montag sarkastisch. Die steirischen Schwarzen treten auch für eine Gesamtschule ein, die sie allerdings "steirische Tagesschule" nennen.

Gehrer sprach sich weiters für die – von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer vorgeschlagene – Abschaffung der Zweidrittelmehrheit bei Schulgesetzen ein und für eine "ganz schlanke Bildungsverwaltung in den Ländern". Auch Burgenlands ÖVP-Chef Franz Steindl sprach sich für die Abschaffung des "Riesenapparats des Landesschulrates" aus. FPÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann will auch die ^Bezirksschulräte entsorgen.

Opposition fordert mehr Tempo

Die Opposition – aber nicht nur die – zeigt sich mit Gehrers Vorschlägen wenig zufrieden. Es gebe "schon erste Anzeichen, dass am Sandbett, in dem alles sich verlaufen soll, schon gebaut wird", so SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser. Kein gutes Haar lässt er an dem von der Regierung geplanten Reformdialog Ende Jänner: "Ich bin gegen die Inszenierungen im Dach der Hofburg, die nur viel kosten und nichts bringen." Wiens Bürgermeister Michael Häupl unterstrich einmal mehr die Notwendigkeit einer gemeinsamen Ausbildung für alle unter 14-Jährigen. Die SPÖ schlägt vor, einen zeitlich begrenzten Unterausschuss im Parlament einzurichten, um noch vor dem Sommer einen Reformfahrplan fertig zu haben.

Für die Grünen machte am Montag Parteichef Alexander Van der Bellen Druck: "Es darf jetzt nicht zwei Jahre lang nur geschwafelt werden."

Auch die Industriellenvereinigung drückt aufs Tempo. Sie will, dass die schon seit einem Jahr fertig im Bildungsministerium liegenden Ergebnisse der Zukunftskommission aufgegriffen werden. Diese Kommission hatte das Schulsystem untersucht und dabei stärkere Schulautonomie, die Möglichkeit, Lehrer zu kündigen, sowie eine Ganztagsschule gefordert. "Die Pisa-Studie bietet die Chance die Reform^geschwindigkeit und den Reformumfang im Schulbereich zu beschleunigen und ideologische Mauern zu durchbrechen", meint Generalsekretär Markus Beyrer. Bis März 2005 soll ein "Bildungsplan 2012" stehen.

Und Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der stets für eine leistungsorientierte Bezahlung in der öffentlichen Verwaltung eintritt, denkt mittlerweile laut über ein erfolgsabhängiges Salär für Lehrer nach. Er fordert auch im Lehrerbereich eine Unterscheidung zwischen motivierten Lehrern und solchen, die nur Dienst nach Vorschrift machen würden. Darüber hinaus könnten die "Lehrer auch den Nachmittag in der Schule verbringen" – um etwa Nachhilfestunden zu geben.

(APA, tó, nim, miba/DER STANDARD-Printausgabe, 7.12.2004)

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