Pferdegeschichte

14. Dezember 2004, 20:41
6 Postings

Früher, erklärte V. kleinlaut, sei sie aktives Mitglied des "Pferde-aus-der-Stadt" Chors gewesen ...

Das Problem, meinte V., sei die Parallelgesellschaft. Weil man halt einfach nur nebeneinander herlebt, nie miteinander redet und nur genervt ist, wenn der andere einem die Tour vermasselt. Sie jedenfalls, erzählte V., habe genug davon – und den ersten Schritt gesetzt. Nein, nicht in eine Moschee (Gotteshäuser betritt sie , sagte V., nur im Urlaub). Auch nicht in einen türkischen oder asiatischen Laden (das sind doch die Greisler von heute, sagte V.) Sondern ganz woanders hin.

Es war am Wochenende. Tief im Gasteinertal mussten wir,­ V., ich und 20 andere Journalisten, das harte Los der Branche auf uns nehmen ­– und uns vom lokalen Tourismusverband verwöhnen, umgarnen und mästen lassen. Und weil Schlittenfahrten da so unvermeidlich sind, wie Kunstschnee auf den Pisten, klingelten wir malerisch durch die Nacht. Und irgendwann rutschte es V. dann heraus: Nein, das sei nicht ihre erste Kutschenfahrt, sie sei vor ein paar Wochen Fiaker gefahren. Durch Wien. Die große Runde. Und es war nicht schlimm. Im Gegenteil.

Früher, erklärte V. kleinlaut, sei sie ein aktives Mitglied im Pferde-aus-der-Stadt-Chor gewesen. Weniger als Tierschützerin (obwohl sie nur schwer erklären könne, was am Kutschenziehen zwischen Autobussen am Ring artgerecht sein soll). Schon eher als Radfahrerin (schließlich schätzt sie es nicht, wenn ihr Pferdepisse und Rossapfelpartikel um die Ohren fliegen). Sicherlich als normale Verkehrsteilnehmerein (ob irgendeiner von uns schon erlebt habe, dass ein Fiaker Fußgängern am Zebrastreifen oder Autos den ihnen zustehenden Vorrang gelassen hätte?) Bestimmt als Bewohnerin der Innenstadt (Pooh-Bags? Sie wohnt nahe einem Standplatz. Da stänke gewaltig.)

Spontane Entscheidung

Als sie dann an einem der letzten schönen Tage in einem Gastgarten gesessen sei, habe sie sich entschossen, einzusteigen. Ein Fiaker war vorbeigetrottet. Der Wirt hatte sich aufregte, dass er wegen der zum Sprühregen aufgewirbelten Pferdedungwolken auf eigene Kosten - weil ihn seine Gäste zu verlassen gedroht hatten - diese hässlichen Plexiglaswände am Straßenrand montieren lassen musste. Und dann hatte sie ein paar Brocken von dem aufgeschnappt, was der Fahrer seinen Fahrgästen erzählte.

Ein ziemlicher Holunder, sagte V., sei das gewesen. Denn auch wenn es sich nett angehört habe, als der Mann am Bock auf fabulierte, dass Franz Josef und Sisi oft im Café Central gefrühstückt hätten, habe sie, sagte V., dieser aufgeschnappte Halbsatz verblüfft. Und weil sie eh grad nichts zu tun gehabt habe, sei sie zum Stefansplatz gewandert, habe unterwegs einen Freund eingesammelt und sei dann in die Kutsche gestiegen.

Aber irgendwas dürfte nicht hingehaut haben. Jedenfalls hörte der Kutscher aus V.s Tonfall und Sprache sofort die Wienerin heraus – und hütete sich Unfug zu verzapfen. (V. weigerte sich zu glauben, dass er vielleicht auch echte Touristen die Wahrheit erzählt hätte.) Und aus dem zur Vorurteilsbestätigung begonnenen Trip sei eine, V. zögerte, wirklich durch und durch nette Fahrt geworden. Der Kutscher, sagte V., sei nicht nur höflich und charmant gewesne, sondern auch glücklich: Dass sich Wiener in einen Fiaker setzen würden, käme nur alle heiligen Zeiten vor. Und auch wenn es ihm prinzipiell natürlich wurscht sei (das, sagte V., schuldete er schließlich seinem Ruf), was die Leute von ihm hielten, sei es ihm offenkundig nicht entgangen, dass viele Einheimische ihn und seine Kollegen nicht wirklich lieb hätten.

Gruß aus der Kutsche

Nur eines, erzählte V., habe ihre Freude an der gemächlichen Zuckelei geschmälert: Irgendwann sei ein Radfahrer neben ihrer Kutsche aufgetaucht. Ein Bekannter. Ohne nachzudenken habe sie ihn gegrüßt. Das Gesicht des Mannes am Rad habe blankes Entsetzen gezeigt: Ob sie denn den Verstand verloren habe, habe er sie angeschnauzt – und sei vorüber gezogen.

Ein bisserl peinlich, sagte V., sei ihr das gewesen. Vor allem, weil sie nicht weiß, wie sie dem Bekannten ihre Fiaker-im-Winter-Idee erklären soll. Mit der wird sie demnächst beim Tourismusverband anklopfen: Früher, hat V. nachgelesen, habe es um die Hofburg nämlich Schlittenfahrten gegeben. Für Sisi, Franzl und den Rest der Habsburg-Mischpoche. Und weil das, sagte V. während die Pferde mit klingenden Schellen durch den Gasteiner Wald trabten, doch so romantisch sei, hätte sie jetzt ein Ziel: Sie wolle dafür kämpfen, Touristen am Heldenplatz Schlittenfahren zu lassen.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama.

    Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/
    Panorama.

  • Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
    echo-verlag

    Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.

    "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.