Das große Geschäft mit illegalen DVDs in Österreich

29. Dezember 2004, 11:08
21 Postings

Monatsmagazin Datum über das Phänomen Filmpiraterie - Eine Reportage

Die aktuelle Ausgabe des Monatsmagazins Datum widmet die Covergeschichte seiner aktuellen Ausgabe dem Phänomen Filmpiraterie („Die Filmpiraten GmbH: Das große Geschäft mit illegalen DVDs in Österreich“).

Der lange Weg

Dabei wird unter anderem der Weg einer raubkopierten DVD nachgezeichnet: von Südostasien über Tschechien bis auf den Wiener Naschmarkt. Der Handel mit der illegalen Ware wird dabei, untermauert von allen vorliegenden Fakten, von allen Seiten beleuchtet: vom Teenager, der sich die Scheiben am Heimcomputer brennt, über die mitteleuropäischen Zwischenhändler bis hin zu den großen, Mafia-artig organisierten Großhändlern, die für den Nachschub sorgen. Dazu kommen auch sämtliche Behörden und Raubkopien-Bekämpfer in Österreich und Tschechien zu Wort.

„Burning Labs“

Was zählt, ist Masse, nicht Klasse. In den Fälscherwerkstätten wird gebrannt, was das Zeug hält. Einige dieser „Burning Labs“ befinden sich, eine gute Autostunde von Wien entfernt, im südmährischen Znaim. Vietnamesische Gangs kontrollieren dort wie überall in Tschechien die illegale Filmproduktion. Sie stehen im Visier der Czech Anti-Piracy Union (CPU), die gegen dieses „organisierte Verbrechen“, wie es Direktorin Markéta Prchalová nennt, kämpft. Die Drahtzieher machen gute Geschäfte. Sie verwenden billige CD-Rohlinge und setzen billige Arbeitskräfte an die Computer. Frauen und Kinder schieben Rohling um Rohling in die Brenner-Laufwerke. Das Filmmaterial kostet sie keinen Heller, das Internet macht’s möglich.

Das Geschäft floriert

Abnehmer für die gefälschten Filme finden sich genug. An den Grenzen zu Deutschland und Österreich floriert das Geschäft. Wie bei Kleinhaugsdorf, wo Vietnamesen dort, wo die Ceská Republika beginnt, die DVD-Filme verramschen. Genauso wie Gartenzwerge, Briefkästen, Jacken, Schuhe und alle anderen Produkte, die am Dauer-Kirtag gleich nach der österreichischen Grenzstelle auf Käufer warten. Bei Kontrollen verstecken sich die Händler oder behaupten, mit der Ware nichts zu tun zu haben. „So läuft das im ganzen Land“, sagt CPU-Direktorin Markéta Prchalová. „Hinzu kommt, dass die tschechischen Gemeinden, die an der Vermietung der Grundstücke mitverdienen, wenig Interesse haben, sich diese Einnahmequelle abzugraben.“

Genauso flink verschwinden die DVD-Händler, wenn die Beamten der Handelsinspektion und der Zollbehörde anrücken. Der 22-Mann-Trupp fährt immer mit mehreren Autos vor. Das fällt auf. Am 31. Oktober 2004 waren die tschechischen Fahnder allerdings schneller. Sie beschlagnahmten bei einer Razzia 3.425 Video-CDs und nahmen drei Vietnamesen fest, darunter den 20-jährigen Vladimir K. Er wurde bereits im Februar von den tschechischen Behörden wegen der Lieferung von 11.300 gefälschten DVDs verhaftet – und aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Er dürfte wie der ebenfalls verhaftete Long Do V. ein Drahtzieher der vietnamesischen Mafia sein. Long Do V. wird verdächtigt, die Raubkopien nach Österreich zu bringen. Er soll außerdem zwei illegale Brennwerkstätten in der Umgebung von Znaim betreiben. Die tschechische Polizei ermittelt weiter. Drei Tage nach der Razzia läuft das Geschäft wieder normal.

„Heast, einer fehlt uns noch.“

Ein Einkaufstourist nach dem anderen fährt auf den Parkplatz. Aus einem Opel mit Wiener Kennzeichen steigt Vater samt Sohn. Zielstrebig steuern sie einen Verkaufsstand in der Mitte des Marktes an. Sie sind nur zum Filmkauf gekommen. Penibel checken sie das Angebot auf dem etwa ein mal ein Meter großen Tisch. Ganz vorne liegt der Hitler-Film, diesmal aber mit zwei Video-CDs, daneben noch fünfunddreißig andere Filme. Viermal greift der Vater zu. Dann kratzt er sich an der Stirn: „Heast, einer fehlt uns noch.“ „30 über Nacht“, schlägt der Blondschopf im Volksschulalter vor. „Na, das war irgendwas anderes“, raunzt sein Vater und kramt einen bekritzelten Zettel aus seiner Hosentasche: die Filmeinkaufsliste. Aber „Die Kühe sind los“ ist bereits ausverkauft. Beim nächsten Mal vielleicht wieder.

Die ersten Vietnamesen sind schon vor Jahrzehnten in Tschechien aufgetaucht, als die damalige kommunistische Tschechoslowakei die Ausbildung Jugendlicher aus Vietnam übernahm und Arbeitskräfte brauchte. Viele sind geblieben. Diese Generation beherrscht heute mehrere Sprachen und hilft ihren Landsleuten bei der Immigration. Heute leben legal 30.400 Vietnamesen in Tschechien, illegal vermutlich noch 10.000 mehr. Markéta Prchalová schätzt, dass jeder zehnte Vietnamese in Tschechien mit den gefälschten DVDs Geschäfte macht. Oft aus Angst. Sie hoffen, dass ihre Bosse sie vor der Abschiebung schützen. In ihrem Heimatland hat die Filmpiraterie bereits solche Ausmaße angenommen, dass es praktisch keine legalen Filme mehr am Markt gibt. Die dort erhältlichen Raubkopien haben Top-Qualität. Das Filmmaterial wird in Asien nicht mit Brennern vervielfältigt, sondern in Pressanlagen mit hochwertigen DVD-Rohlingen verarbeitet.

„Jeder muss mit einer Kontrolle rechnen."

Bis zu 3.000 Pkw und 500 Lkw passieren täglich die kleine Grenzstation im Weinviertel. Chefinspektor Alfred Wallig sagt: „Jeder muss mit einer Kontrolle rechnen. Aber Risikofahrzeuge, etwa mit polnischen Kennzeichen, nehmen wir genauer unter die Lupe.“ Wenn verbotene Fracht entdeckt wird, wird das Zollamt verständigt. Der österreichische Verein für Antipiraterie im Film- und Videobereich (VAP) hat auf Grund der europäischen Produktpiraterie-Verordnung einen Grenzbeschlagnahmebescheid erwirkt. Damit sind die Zollbehörden befugt und beauftragt, Filmraubkopien bereits an den österreichischen Grenzen abzufangen. Bisher wurden 3.500 Stück aus dem Verkehr gezogen. Innerhalb Österreichs richten die Zollbeamten der mobilen Risikomanagement-Teams ihr Augenmerk auf den Handel mit den Raubkopien. Polizei und Gendarmerie schauen zu. Sie können nicht eingreifen. „Filmpiraterie ist kein Offizialdelikt wie Mord oder Diebstahl“, erklärt Andreas Manak, Rechtsanwalt und VAP-Generalsekretär. „Die Urheberrechtsverletzung ist zwar ein strafbares Vergehen, aber die Exekutive kann erst nach einer Privatklage des Geschädigten und einem Gerichtsbeschluss einschreiten.“

Einsicht

Zeigen sich die Täter einsichtig, enden die Verfahren meist mit einem Vergleich. Wie zum Beispiel bei einem 17-Jährigen aus Perg in Oberösterreich, der hunderte gefälschte Filme verkauft hatte. Er musste die Gerichtskosten und eine Pönale zahlen – insgesamt 2.800 Euro. „Bei den Prozessen geht es uns nicht um Schadenersatz, sondern in erster Linie darum, zu zeigen, dass Filmpiraterie kein Kavaliersdelikt ist“, sagt Christof Papousek, Vertreter der Filmfirma Constantin im VAP. Auf Vergehen gegen das Urheberrechtsgesetz stehen immerhin bis zu sechs Monate Haft. Wem gewerbsmäßiger Vertrieb, dazu zählt neben dem Verkauf auch der Tausch, nachgewiesen werden kann, drohen bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe oder bis zu 117.000 Euro Geldstrafe. (red)

Link

Datum

  • Artikelbild
Share if you care.