Gehrer: "Ich habe die Verantwortung"

8. Dezember 2004, 18:45
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Bildungsministerin lädt zu Reformdialog über Bildung und schließt "gemeinsame Schule mit Individualisierung" nicht aus

Wien - Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) lädt als Reaktion auf das schlechte Abschneiden Österreichs bei der internationalen OECD-Bildungsvergleichsstudie PISA Ende Jänner zu einem Reformdialog zum Thema Bildung - mit allen Parteienvertretern, allen Gruppierungen und ausländischen Experten. "Wir müssen die Bildungsdiskussion, die jetzt läuft, aufnehmen und schauen, was wir verbessern können", sagte die Ministerin in der ORF-Sendung "Offen gesagt" Sonntag Abend. Die Ergebnisse der Studie bezeichnete sie als "nicht erfreulich", erklärte aber auch: "Ich habe die Verantwortung."

Gegen Schuldzuweisungen

Gehrer wäre "dankbar", wenn man die Diskussion ohne Schuldzuweisungen führen würde, auch sie mache das nicht, sagte sie und dementierte, dass sie den Eltern die Schuld gegeben habe. Die Ministerin plädierte dafür, "ohne politische Scheuklappen, ohne ideologisch besetzte Begriffe" miteinander zu diskutieren, "wie schaut beste Bildung aus und was müssen wir noch tun".

Reizwort Gesamtschule vermeiden

Das finnische System "einer Schule für unterschiedliche Lerner", wie es Rainer Domisch vom finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen bezeichnete (eine gemeinsame Schulform für alle bis zum 16. Lebensjahr, Anm.), lehnt Gehrer nicht von vornherein ab, meinte aber, man müsse "das politische Reizwort Gesamtschule vermeiden". Heute sage man, "das wichtigste ist die Individualisierung, davon lebt auch das finnische Schulsystem, das muss man sich anschauen". Sie sei für eine offene Diskussion, jetzt sei die Chance dafür gegeben. "Wenn es richtig ist, dass man in einer gemeinsamen Schule mit Individualisierung mehr erreicht, dann müssen wir daran arbeiten", schloss Gehrer eine grundlegende Organisationsänderung im Schulsystem nicht aus.

Reformorientierten Gewerkschaftern Rücken stärken

Der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz erinnerte daran, dass jede Veränderung im Schulsystem "Widerstand bringt". Man könnte leicht die Schülerzahlen in den Klassen senken, wenn man die Lehrverpflichtung der Lehrer erhöhe. Sage das aber ein aktiver Politiker laut, sei er am nächsten Tag "politisch mausetot", weil es hier Widerstand der Lehrergewerkschaft "in großkoalitionärer Eintracht" gebe. Deshalb müsse man reformorientierten Lehrergewerkschaftern den Rücken stärken, "sonst enden wir beim Schulwesen fort, wo wir vor 30 Jahren mit der Verstaatlichten Industrie geendet haben", sagte Scholz. Die Strukturen seien durchaus ähnlich.

Eltern: "Krise"

Die Eltern wüssten "schon lange, das die Schule in der Krise ist", sagte Barbara Rothmayer, Elternvereins-Obfrau einer großen Wiener Schule. Besonders erschreckend für sie ist die "Motivationslosigkeit unserer Kinder, die greift um sich".

Rat der Gewinner

Der Rat des finnischen Experten könnte da Abhilfe schaffen: "Sorgen Sie dafür, dass die Menschen die in der Schule arbeiten, also Lehrer und Schüler, sich wohlfühlen. Schaffen Sie alle Einrichtungen ab, die Angst bereiten, lassen Sie so gut wie niemanden eine Klasse wiederholen, schaffen Sie viele Tests und Prüfungen ab", so Domisch. Außerdem sprach er sich gegen eine zu frühe Selektion, also wie in Österreich die Trennung der Zehnjährigen in Hauptschule und AHS, aus: "Wer Bildung teilt, schwächt Bildung". (APA)

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