"Drehbuch" für Misshandlungen soll aus Deutschland stammen

8. Dezember 2004, 21:37
34 Postings

"Sichtbare Quälerei", sagt Gusenbauer - Fischer lobt Platter - Die Frage "Einzelfall oder nicht?" beschäftigt Bundesheer

"Eine sichtbare Quälerei von jungen Menschen, man kann nur hoffen, dass das ein Einzelfall ist": So qualifizierte SPÖ-Parteivorsitzender Alfred Gusenbauer am Sonntag in der ORF-"Pressestunde" die Übergriffe auf Grundwehrdiener in der Kaserne Freistadt. Im Vorjahr hatten dort 80 Wehrmänner eine vorgetäuschte Geiselnahme über sich ergehen lassen müssen, ihnen wurden unter anderem Säcke über den Kopf gezogen, ein in der Vorwoche aufgetauchtes Video zeigt das Vorgehen der Ausbildner.

Er glaube nicht, dass das Quälen beim Bundesheer eine sinnvolle Vorbereitung auf die Aufgaben der Soldaten sei, sagte nun Gusenbauer. Dem Verteidigungsminister, Günther Platter (VP), attestierte er, richtig gehandelt zu haben. Platter suspendierte Stunden nach Bekanntwerden der Vorfälle die verantwortlichen Kommandanten.

Fischer lobt Platter

Auch Bundespräsident Heinz Fischer lobte Platters Reaktion als "rasch, angemessen und dem Anlass entsprechend". Fischer betonte gleichzeitig, er habe seit seinem Amtsantritt bei vielen Gelegenheiten einen guten Eindruck von der Arbeit des Bundesheeres gewonnen.

Einzelfall oder nicht? Diese Frage beschäftigt das Bundesheer intern und in verschiedenen Internetforen ehemalige Grundwehrdiener und aktive Heeresangehörige. Bei der am Freitag eingerichtete Beschwerdehotline gingen mehr als 300 Anrufe ein. Im Internet halten die meisten Poster die Geiselnahmeübung als für Grundwehrdiener unangebracht. Gleichzeitig wird Härte in der Ausbildung allerdings vielfach bejaht. Viele (Ex-)Soldaten sehen jedoch einen Unterschied darin, ob Wehrmänner in ein brutales Rollenspiel gezwungen werden, oder ob sich Heeresangehörige solchen Strapazen als Teil einer besonderen Ausbildung freiwillig aussetzen.

"Drehbuch" aus Deutschland

Die Ausbildner von Freistadt sind dabei offenkundig der Regie gefolgt, nach der Mitglieder das Jagdkommandos geschult werden. Dieses Programm stammt in wesentlichen Teilen von der deutschen Bundeswehr. Auch der jüngst in Deutschland bekannt gewordene Folterskandal besteht darin, dass Ausbildner einfache Soldaten diesem Spezialprogramm unterwarfen.

Den Soldaten dort wurde Wasser über den Kopf gegossen, zwei berichteten von Stromstößen in den Nacken, einer gab an, dass er mit einem Kübel über dem Kopf mehr als 30 Minuten habe stillstehen müssen. Den jungen Männern wurden danach Erinnerungsfotos davon zum Selbstkostenpreis angeboten. (red/DER STANDARD; Printausgabe, 6.12.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das "Drehbuch" für die Misshandlungsvorfälle in der Kaserne Freistadt wurde an der Bundeswehr-Infanterieschule Hammelburg in Bayern erfunden.

Share if you care.