Wenn das Rauschgift ins Dorf kommt

7. Dezember 2004, 19:13
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Niederösterreich: Drei Drogentote innerhalb weniger Wochen sorgen in der kleinen Gemeinde Grafenwörth für Unruhe

Drei Drogentote innerhalb weniger Wochen sorgen in der kleinen niederösterreichischen Gemeinde Grafenwörth für Unruhe. Auch im gesamten Bundesland steuert man auf eine Rekordzahl an Drogenopfern zu.

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"Beim Begräbnis, da hätte die Gendarmerie kontrollieren sollen. Die ganzen Jungen, da waren ja auch Fremde dabei." Für die Pensionistin, die gerade die Bäckerei in Grafenwörth betreten hat, ist klar, von wo die Drogengefahr in der kleinen niederösterreichischen Gemeinde droht: von außerhalb. Eine Einschätzung, die nicht alle teilen: Nach drei Drogentoten innerhalb von fünf Wochen sollen nun Veranstaltungen das Bewusstsein schärfen.

"Sucht geht uns alle an - Hinschauen statt wegschauen" steht auf dem A4-Zettel, der am Schaufenster des Gemeindeamtes klebt. Im selben Haus, in dem das Amt untergebracht ist, waren Mitte Oktober die Leichen einer 17-Jährigen und ihres 21 Jahre alten Freundes gefunden wurden. Todesursache laut vorläufigem Obduktionsbefund: eine Überdosis Opiate. Ende November der dritte Tote: Ein junger Mann stirbt vermutlich nach einer Überdosis Kokain.

"Na ja, es war schon ein Gesprächsthema in der Kirche", erzählt Angela Stoidl, während sie die Tür des Gotteshauses zusperrt. Gerätselt habe man, ob es noch mehr Drogenkonsumenten in der 2600-Einwohner-Gemeinde gibt.

"Nicht ärger als sonst wo"

"In Grafenwörth gibt es glaub ich nichts zu kaufen, es gibt ja nur zwei Lokale im Ort, wo sich die Jungen treffen", schildert die Mutter eines 19-Jährigen. "Aber in Wien oder Krems ist es was anderes. Da wird ihnen vielleicht in der Disco was ins Getränk gegeben, und man merkt es erst, wenn es zu spät ist", mutmaßt Frau Stoidl.

Einige Meter weiter entlang der Hauptstraße mit den niedrigen Häusern liegt die Volksschule. Auch dort macht man sich Gedanken. "Wir veranstalten am 10. Jänner einen Elternabend, am 14. gibt es dann ein Theaterstück für Eltern und Kinder", berichtet Irene Mold, die Direktorin. Natürlich seien die Eltern verunsichert, daher sei es "ganz wichtig, dass Fachleute mit ihnen darüber sprechen". Auch wenn für die Kinder die Todesfälle kein großes Thema gewesen seien.

Im Gegensatz zur Gendarmerie ist für die Direktorin "bekannt, dass es eine Szene im Tullnerfeld gibt." Was bei der Exekutive verneint wird. "Es ist bei uns nicht ärger als sonst wo", meint der Beamte am Gendarmerieposten des Ortes. Es gebe auch keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen den Vorfällen.

Bei der Kriminalabteilung Niederösterreich ist man noch am ermitteln, berichtet deren Leiter Franz Polzer. Und merkt an, dass es heuer bereits 21 Drogentote im Bundesland gebe. Im Vorjahr waren es laut dem jüngst präsentierten Drogenbericht des Gesundheitsministerium 13 Opfer.

Für Polzer ein möglicher Grund des Anstieges: "Gerade junge Menschen, die auf eine Entziehungskur gehen, unterschätzen die Wirkung der Drogen. Sie werden nach ein paar Wochen Kur rückfällig und nehmen dasselbe Quantum wie beim Aufhören - was ihr Körper nicht mehr verträgt." (Michael Möseneder/DER STANDARD; Printausgabe, 6.12.2004)

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