Die Bilder einer Revolution

17. Dezember 2004, 19:13
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Die in Eiseskälte demonstrierenden Menschenmassen, die ermordeten Journalisten sind Vorbilder, die bleiben - Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

Ich sitze vor den Fernsehbildern aus der Ukraine und muss an Andrej denken. Ich lernte Andrej vor einigen Jahren in Kiew kennen, einen Bären von einem Mann, der seinen Job als Ingenieur aufgegeben hatte, um sich um verlassene Kinder zu kümmern, und der inzwischen in seiner Heimatstadt ein Caritas-Projekt leitet. Der Grund für seine Entscheidung: In der Ukraine, meinte er, sei einfach alles Korruption und Lüge. Er wollte auf seine Weise "in der Wahrheit leben". Andrej ist halb Russe, seine Sprache ist Russisch, und er schätzte damals Präsident Putin mehr als seinen eigenen Präsidenten Kutschma. Trotzdem bin ich ziemlich sicher, dass er in diesen Tagen, vermutlich in Begleitung seiner Caritas-Kinder, bei den Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz zu finden war.

Mit ihrer orangen Revolution holen die Ukrainer mit 15-jähriger Verspätung nach, was die Tschechen, die Polen und die Ungarn 1989 geschafft haben: den großen und historischen Schritt hin zur Demokratie. Und so wie es aussieht, ist ihre Revolution genauso friedlich, fröhlich und auf gewaltlose Weise erfolgreich wie in den Ländern, die den europäischen Zentren so viel näher sind.

Image hat sich verändert

Wie immer die Sache letztlich ausgeht, die Leute mit den orangefarbenen Schals haben jetzt schon erreicht, dass sich das Image ihres Landes in den Augen der Welt gründlich und dauerhaft gewandelt hat. Für den Durchschnittseuropäer war das Riesenland mit seinen über 50 Millionen Einwohnern bisher nicht viel mehr als eine Art Anhängsel des großen Russland. Mit dem Begriff "Ukraine" assoziierte man vor allem "Armut" und "Tschernobyl". In zweiter Linie vielleicht auch noch die Leidensgeschichte, die das Land im vergangenen Jahrhundert geprägt hat wie kaum ein zweites.

Ich erinnere mich an eine Bergarbeiterfamilie, die ich damals auf jener Reise mit der Caritas kennen lernte. Der Vater erzählte mit gleichmütiger Selbstverständlichkeit vom Schicksal der Seinen: Die Großeltern - verhungert in der großen, von Stalin im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft initiierten Hungersnot des Jahres 1936. Die Eltern - umgebracht von den deutschen Besatzern. Er selbst - Invalide nach einem durch mangelnde Sicherheitseinrichtungen verschuldeten Bergwerkunglück, mit winziger Pension.

Eine durchaus nicht untypische ukrainische Biografie. Diese Bilder bleiben bestehen. Aber neben sie tritt nun auch das Bild der in Eiseskälte demonstrierenden Menschenmassen, die sich mit Lüge und Wahlbetrug nicht länger abfinden wollen, der Polizeischüler, die sich den Demonstranten anschließen, der Fernsehmoderatoren, die vor der Kamera sagen: Wir wollen nicht länger Lügen verbreiten. Sie treten in die Fußstapfen der ukrainischen Journalisten, die in den letzten Jahren ihr Eintreten für die Wahrheit mit dem Leben bezahlt haben.

Vorbilder, die bleiben

Das sind Vorbilder, die bleiben. Von ihnen kann ein Volk für lange Zeit zehren. Ob sie ausreichen, das gespaltene Land zu einigen? Ob es stimmt, was die Demonstranten in Lemberg, der polnisch-österreichisch geprägten galizischen Hauptstadt im Westteil der Ukraine, riefen: "Jetzt sind wir endlich eine Nation"? Oder wird die Spaltung noch tiefer? Ob es gelingt, nach der wiederholten Präsidentenwahl ein stabiles Verhältnis sowohl zum Nachbarn Russland wie zum Nachbarn EU zu finden? Das wird alles von der Klugheit der verantwortlichen Politiker in- und außerhalb der Ukraine abhängen. Aber die großen Tage des Protests kann niemand mehr ungeschehen machen. Ich kann mir vorstellen, dass Andrej und seine Freunde heute ziemlich glücklich sind. (DER STANDARD, Printausgabe 6.12.2004)

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