Rot ist die Hoffnung der Grünen

8. Dezember 2004, 19:44
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Klubchefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, spricht im STANDARD-Interview über die Vorzüge von Rot-Grün

Standard: Sie sind seit Juni Klubchefin der Wiener Grünen und halten am Kurs, Projekte mit der SPÖ zu machen, fest. Funktioniert dieser Spagat zwischen Opposition und Projektpartner der Regierungspartei?

Vassilakou: Selbstverständlich geht das. Man kann sich mit einer anderen parteipolitischen Macht überlegen, was gute Konzepte für Wien sind. Aber dort, wo es Fehler gibt, werden wir das kritisieren.

STANDARD: Gibt es Signale, wann in Wien gewählt wird?

Vassilakou: Nur Gerüchte. Der Bürgermeister hat aber schon mehrfach signalisiert, dass es im Herbst 2005 sein könnte.

STANDARD: Ihr Ziel - außer stärker werden?

Vassilakou: Dass wir die Stadt stärker gestalten können. Wir sind bereit.

STANDARD: Bereit, nach den Wahlen eine Koalition mit der SPÖ einzugehen?

Vassilakou: Sofern es sich rechnerisch ausgeht, ist die SPÖ die einzige Partei, bei der sich das anbietet. Die ÖVP geht in Wien nicht ernsthaft als urban-liberal durch. Über die FPÖ rede ich nicht einmal.

STANDARD: Gibt es Signale der SPÖ, dass das eine Option ist?

Vassilakou: Der Wahlkampf steht vor der Tür, daher würde es mich wundern, wenn die SPÖ hier irgendwelche Signale senden würde. Aber es gibt Kräfte, die sich das wünschen.

STANDARD: Da müsste aber die Absolute der SPÖ fallen?

Vassilakou: Die Stadt funktioniert, aber Teile der SPÖ sind doch träge, selbstzufrieden und ideenarm. Die Stadt profitiert viel mehr von einer rot-grünen Regierung.

STANDARD: Auch in der Bildungspolitik? Glaubt man der Pisa-Studie, dann funktioniert das Schulwesen nicht.

Vassilakou: In Wien läuft einiges falsch, vor allem fehlen mehr als 1000 Lehrerposten, die weggespart wurden.

STANDARD: Was läuft schief?

Vassilakou: Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ist für mich die Hauptschuldige. Sie hat wahrlich den Spitznamen "Pisa-Liesl" verdient. Die schlechten Pisa-Ergebnisse sind ihr Werk. Es ist unverständlich, dass sie Lehrerposten einspart. Aber gleichzeitig werden von ihr 140 Millionen Euro für Risikotechnologien wie Kernfusion bereitgestellt. Die Hälfte davon würde in Schilling ausgedrückt für eine Bildungsmilliarde reichen, die dringend gebraucht wird.

STANDARD: Gerade in Wien gibt es beim Unterricht der Kinder mit nicht deutscher Muttersprache Probleme.

Vassilakou: In Wien hat eines von drei Kindern eine andere Muttersprache als Deutsch. Aber individuelle Fördermaßnahmen sind bei dem Minimum an Personal undenkbar.

STANDARD: Wie kann man das in den Griff bekommen?

Vassilakou: Beispielsweise weg mit der Schulglocke, der strenge Stundentakt behindert das Lernen. Und warum schneidet Finnland so gut ab? Das hat auch mit dem Aspekt der Mehrsprachigkeit zu tun. Dort kann jeder Schulabsolvent bis zu vier Sprachen.

STANDARD: Aber bei uns klappt's ja mit Deutsch schon nicht.

Vassilakou: Es ist doch erwiesen, dass Kinder, die man in der eigenen Muttersprache unterstützt, auch Deutsch besser lernen können. Wir brauchen einen Umbau in Richtung Mehrsprachigkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 06. 12. 2004)

Nachdem Grünen-Bundessprecher Van der Bellen SP-Chef Gusenbauer verteidigt hat, macht man nun in Wien den Roten Avancen. Die Stadt würde von Rot-Grün profitieren, sagt die Wiener Klubchefin Maria Vassilakou zu Peter Mayr.
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    ZUR PERSON: Maria Vassilakou, 1969 in Athen geboren, kam 1986 zum Studieren nach Wien. Über die Uni-Politik dockte sie bei den Grünen an.

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