Sonntagsfarce

8. Februar 2005, 16:08
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Helmut Spudich über die anachronistisch Debatte um die Sonntagsöffnung

Die aufgrund eines neu eröffneten Lebensmittelmarkts am umgebauten Linzer Bahnhof erneut aufgeflammte Debatte um die Sonntagsöffnung ist anachronistisch wie eh und je. Offiziell hält Österreich daran fest, dass sonntags die Rollbalken fest geschlossen sind, eine Allianz, bei der sich die einander sonst abholden Parteien, Kirche und Gewerkschaft in wundersamer Eintracht treffen.

Inoffiziell pilgern Herr und Frau Österreicher bei Bedarf am Sonntag zu Tankstellen (Haltbarmilch statt Frischmilch), klein gehaltenen Lebensmittelläden im Umfeld von Bahnhöfen oder einer wachsenden Schar von Greißlern im Familienbetrieb. Und wem der Sinn nach richtigem Shoppen steht, der fährt in ein Einkaufszentrum jenseits der Grenze.

Die Bestimmungen, wer am Sonntag trotz generellen Verbots öffnen darf, sind löchrig wie ein Nudelsieb - der Lebensmittelmarkt am Wiener Flughafen darf sieben Tage die Woche bis in die Nacht offen haben, jener am Linzer Bahnhof (zumindest nach Gewerkschaftsargumentation) hingegen nicht.

Touristen in Lech am Arlberg konstituieren einen Grund, warum Läden am Sonntag offen haben dürfen, Touristen in der Wiener Innenstadt hingegen nicht. Solche Gesetze sind unbrauchbar.

Zumindest für den Lebensmittelhandel - besser noch: für jedweden Handel - sollte darum die unsinnige Beschränkung fallen. Es ist nicht erklärbar, warum sonntags und abends Tankstellen, Gastronomie oder Standler wie bei den Weihnachtsmärkten offen haben dürfen, Lebensmittelläden hingegen nicht.

Die Gewerkschaft (und die Kirche, wenn sie dies will) hat dabei eine wichtige Rolle: für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, denn die sind im Handel in der Tat nicht rosig. Aber ein gesperrter Laden am Sonntag fettet die schlechte Entlohnung zwischen Montag und Samstag auch nicht auf. (DER STANDARD Printausgabe, 06.12.2004)

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