Österreich: Nicht genügend, setzen

6. Dezember 2004, 16:26
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Dramatische Pisa-Ergebnisse: Österreich stürzt bei Naturwissenschaften von Platz 8 auf 20 ab - Finnland ist Sieger

Österreichs Bildungssystem ist auf dem Weg zu einer Zweiklassengesellschaft, oder, genauer formuliert, zu einer "Ein-Fünftel-Gesellschaft". Diesen Schluss lässt die Pisa-Studie zu. Etwa ein Fünftel der österreichischen 15- bis 16-jährigen Schüler fällt laut den Ergebnissen des OECD-Bildungsvergleichs in die "Risikogruppe" der schlechten Leser und Mathematiker.

Laut der Untersuchung muss "bezweifelt werden, dass diese Schüler/innen zum Verstehen alltäglicher, einfacher Texte ausreichend befähigt sind" beziehungsweise in Mathematik "nur die einfachsten Aufgaben des Pisa-Tests lösen konnten" - manche konnten zum überwiegenden Teil nicht einmal das. Im internationalen Vergleich ist das innerhalb der OECD-Staaten ein relativ hoher Anteil. Die Pisa-Studie teilt die Kompetenzen beim Lesen in insgesamt sechs Stufen (Level fünf bedeutet hohe Kompetenz, Level eins niedrige, dazu gibt es als schlechteste Stufe noch "Unter Level 1").

Risikogruppen-Anteil von 20 Prozent

Beim Lesen verfügt Österreich über einen "Risikogruppen"-Anteil von 20 Prozent (sieben Prozent "Unter Le- vel 1"-Leser, 13 Prozent "Le- vel 1"). Diese Gruppe hat sich gegenüber 2000 (14 Prozent) um sechs Prozentpunkte vergrößert - fast um die Hälfte. Das entspricht dem drittgrößten Anstieg weltweit nach Mexiko und Japan.

Kaum geringer ist der Anteil der "mathematischen" Risikogruppe: Sie liegt bei 19 Prozent, wobei sechs Prozent "Unter Level 1" und 13 Prozent "Level 1" sind. Den geringsten "Riskiogruppen"-Anteil an Lesern und an Mathematikern haben die Finnen und Südkoreaner.

Beim Lesen liegt Österreich gleichauf mit Ungarn, (20 Prozent), knapp dahinter Spanien (21), Portugal und Deutschland (22). Ähnlich bei Mathematik: Auch hier liegt Österreich im EU-Schlussfeld. Die Schweiz (15), Belgien (16), Tschechien, Frankreich (17) und Schweden (18) liegen voran. Ob jemand in die "Risikogruppe Lesen" oder "Mathematik" fällt, hängt eng mit dem Schultyp zusammen, den er besucht. In der Mathematikkompetenz erreichen AHS-Schüler einen Mittelwert von 571 Punkten, Berufsschüler 456 und Besucher einer polytechnischen Schule 438 Punkte. Die beiden letztgenannten Schultypen stellen auch den Großteil der "Risikogruppe Mathematik": 70 Prozent. Nicht viel anders ist es bei der "Risikogruppe Lesen": Mehr als drei Viertel von ihnen gehen in die Berufsschule oder ins "Poly".

Wie unterschiedlich das Leistungsniveau im österreichischen Bildungssystem ist, zeigen die Detailanalysen: So können 54 Prozent der Schüler im Polytechnikum schlecht lesen. Und während 68 Prozent der AHS-Schüler angeben, "gerne" oder "sehr gerne" zu lesen, sind es bei "Poly"-Besuchern nur 25 Prozent, bei Berufsschülern gar nur 23 Prozent. (DER STANDARD, Printausgabe 6.12.2004)

Von Conrad Seidl
und Barbara Tóth
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    karikatur: peter kufner
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